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1984 (Teil2) – Gastbeitrag von Johnny Haeusler

(Der erste Teil dieser wunderbaren Real-Life Punk-Kurezgeschichte ist hier: http://www.wecab.info/90-1984-gastbeitrag-von-johnny-hausler-teil-1/ )

Die Düsseldorfer Philipshalle fasste etwa 1 Million Menschen. Dachte ich, als ich sie am Nachmittag des 19. Februar 1984 zum ersten Mal in meinem Leben betrat. Natürlich war ich vorher schon in großen Hallen gewesen, um große Bands zu sehen, aber noch nie in einer leeren großen Halle. Und noch nie in einer leeren großen Halle, auf deren Bühne gerade The Clash standen und ihren Soundcheck machten.

Unsere Entourage bestand nicht nur aus der Band; etwa acht oder zehn Freundinnen und Freunde waren mit uns nach Düsseldorf gekommen, um der Sensation beizuwohnen. Nicht nur die Band sondern auch sie würden also auf mich eindreschen, wenn etwas schiefgehen sollte, ich fühlte mich dementsprechend wohl in meiner Haut.

Die neuen Clash-Mitglieder kannte ich von einigen wenigen Fotos, doch neben ihnen auf der Bühne standen Joe Strummer und Paul Simenon, die ich von einigen tausend Fotos kannte. Wir, die Band plus Freunde, standen inmitten der Halle, vielleicht 10 Meter vor der Bühne. Und ich hoffte.

Ich hoffte, dass mich diese Typen, deren Arbeit für mich in den vergangenen Jahren so wertvoll und wichtig geworden war und die einen Einfluss auf mein junges Leben hatten, den sich meine Schule nur erträumen konnte, nicht enttäuschen würden. Damit meinte ich nicht in erster Linie, dass sie uns spielen lassen sollten. Es ging um mehr. Es ging um die Frage ob Punk, genauer gesagt der Punk, der von The Clash propagiert wurde, echt war. Ob sie wirklich “anders” waren als die anderen Bands. Ob man mit ihnen reden konnte oder ob sie arrogante Arschlöcher waren. Ich war jung, aber nicht völlig bescheuert, ich erwartete weder den Heiland noch bessere Menschen noch das offizielle Weltrettungskommando. Aber ich erwartete coole Typen. Ich hoffte auf coole Typen.

Irgendjemand führte uns hinter die Bühne in einen Backstage-Raum (der Backstage-Raum: Mythos und Legende. Hort endloser Gelage und Orgien, Ziel aller Hardcore-Fans und Groupies. Sagt man. “Is’ aber nur ganz normaler Quatsch” (© Toni Mahoni). Backstage-Räume kleiner Auftrittsorte kann man sich wie ein seit vielen Jahren nicht benutztes Klo oder eine Abstellkammer vorstellen. Und das sind dann die besseren. Backstage-Räume der großen Hallen wiederum sind nichts anderes als Sport-Umkleidekabinen, was Sinn macht, da viele große Hallen in ihrem normalen Leben Sporthallen sind. Und dann gibt es noch die Backstage-Räume von Open-Air-Festivals, das sind dann Wohnwagen…).

Nervös liefen wir in unserer Umkleidekabine auf und ab, planten die Setlist, machten nervöse Scherze. Dann die Frage, die ich gar nicht gebrauchen konnte: “Was passiert’n jetzt?”

Bevor ich mit den Achseln zucken konnte erschien jemand, der aussah als würde er bei The Clash spielen. Kosmo. Er fragte nach mir, wir begrüßten uns. Ob ich das Tape dabei hätte. Ich gab ihm unsere beschissene Übungsraumaufnahme und langsam regten sich erste Zweifel bei den anderen Jungs. Was das jetzt sollte. Ich erklärte es ihnen. Ist doch klar, dass die nochmal was von uns hören wollen, argumentierte ich. “Aber doch nicht von diesem oberschlechten Tape!”, fanden die anderen. Doch. Wir hatten kein anderes.

Bei Punkkonzerten eher selten bestuhlt: die Phillipshalle Düsseldorf

Wir mussten keine fünf Minuten warten, bis Kosmo wieder bei uns erschien. Er hatte sich unmöglich in dieser kurzen Zeit einen Eindruck verschaffen können und mir war klar, dass wir wieder einpacken mussten.

“You will be on stage exactly at eight. You have 30 minutes, no encores. Now relax, get a beer and enjoy yourself!”

Hätte es die Becker-Faust schon gegeben (aber es gab sie nicht, es gab übrigens auch kein Internet) hätten wir sie garantiert alle in diesem Moment praktiziert. Stattdessen freuten wir uns wie ganz normale Menschen, fielen uns um den Hals, lachten, jubelten. Wir alle waren uns der gleichzeitigen Absurdität und Grandiosität der Aktion bewusst: Eine völlig unbekannte Berliner Band spielt ihren zweiten Gig als Vorgruppe von The Clash. Und warum? Weil sie gefragt hat!

Wer es nicht weiß: So etwas gibt es eigentlich nicht. Abgesehen davon, dass der Großteil bekannterer Bands die Entscheidung über ihren Support dem Label oder dem Tourveranstalter überlässt, ist es die Regel, dass Vorgruppen für ihren Platz bei einem größeren Konzert oder gar einer ganzen Tour Geld bezahlen. Das ist nicht immer so fies, wie es jetzt klingt und hat nicht allein mit der Tatsache zu tun, dass die Vorgruppe durch ihren Auftritt einen Marketing-Effekt erwarten kann, der auf dem Bekanntheitsgrad des Haupt-Acts beruht. Eine Vorgruppe verursacht tatsächliche Mehrkosten, Techniker müssen extra arbeiten, zusätzliche Einstellungen an Ton- und Lichtpulten müssen vorgenommen werden, die Bühne ein weiteres Mal umgebaut werden. Diese Mehrkosten werden meist an die Vorgruppen weitergegeben und so passiert es schnell, dass eine Vorband bzw. deren Label für eine 20-Städte-Tournee als Support für eine größere Kapelle mal eben fünfstellige Summen auf den Tisch packen muss. Normal. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Nachdem The Clash mit ihrem Soundcheck fertig waren durften wir unsere Amps und Drums aufbauen und ebenfalls einen kurzen Soundcheck machen (auch das für eine Vorband eher ungewöhnlich). Die Crew war nett und hilfsbereit und wir entspannten tatsächlich ein wenig.

Um Punkt acht Uhr standen wir, nervös wie Sau und mit unseren Gitarren bewaffnet, am Bühnenrand. In der Düsseldorfer Philipshalle ging das Licht aus und ohrenbetäubendes Gejohle vom Publikum setzte ein. In diesem Moment hatte ich zum ersten Mal den Eindruck, dass ich eine extrem beschissene Idee gehabt hatte. Denn ich hatte in meiner Euphorie eine nicht unwichtige Tatsache außer Acht gelassen: Niemand im Publikum wusste, dass wir spielen würden. Noch schlimmer: Niemand im Publikum wusste, dass überhaupt eine Vorgruppe spielen würde. Die Leute erwarteten mit dem Erlöschen der Saalbeleuchtung nur eines: The Clash.

Stattdessen staksten ein paar dürre Teenager auf die Bühne. Als würde es irgendetwas bedeuten rief ich “Wir sind Plan B aus Berlin!” ins Mikro (“Hello Düsseldorf, it’s good to be back” habe ich mich nicht getraut) und wir stolperten in den ersten Song, um keine Zeit für negative Reaktionen zu lassen.

Ich weiß nicht mehr, wie wir waren. Ich schätze, wir waren eher schlecht, genossen aber eine Art Welpenschutz. Buh-Rufe hielten sich ebenso im Rahmen wie Applaus, die Stimmung war eher eine resigniert abwartende, die Zeit für einen weiteren Gang zur Theke bot (damals gab es noch echtes Bier in den großen Hallen, aber kein Internet). Auf dem einzigen mir bekannten, von einem Freund im Publikum aufgenommenen Mitschnitt unseres Gigs, den ich entsetzlicherweise nicht mehr finden kann, hört man mehr von den zahlreichen Sarajevo-Rufen als von unseren Songs. Ich erinnere mich daran, dass ich irgendwann irgendwelche Statements gegen Helmut Kohl ins Mikro rief (Hey: Punk!) und dass das niemanden interessierte. Ich erinnere mich daran wie merkwürdig es sich anfühlte, die anderen Jungs so weit weg von mir spielen zu sehen, die Bühne kam mir unglaublich groß vor. Ich erinnere mich außerdem daran, wie schnell die Angst vor dieser großen Halle verschwunden war, denn man konnte während des Gigs von der Bühne aus sowieso nur die ersten paar Reihen sehen, danach erschien alles schwarz.

Und ich erinnere mich an meinen zufälligen Blick zum Bühnenrand nach dem zweiten oder dritten Song. Da standen sie. Joe und Paul. Guckten sich die Vorband an, zuckten ein bisschen mit den Beinen mit. Ich war stolz wie Oskar.

Der Clash-Gig selbst passierte in einer Wolke, zu beeindruckt waren wir vom ganzen Ereignis und außerdem mussten wir uns noch um Schlafplätze kümmern. Fritz, unser Basser, kam aus Dortmund und kannte sich in der Ecke aus, hatte also ein paar Kontakte und irgendwie landeten wir später in der Nacht in den Wohnungen der Fehlfarben und von Xao Seffcheque.

Vorher jedoch, noch in der Halle, ging es nach dem Clash-Gig natürlich darum, die Band zu treffen. Vorher stand zu viel Nervosität im Raum, doch jetzt wollte ich es mir nicht nehmen lassen, Strummer wenigstens mal die Hand zu schütteln. Mich zu bedanken. Ihn zu fragen, wie er uns fand.

Kosmo kam in unseren Backstage-Raum, als wir gerade unsere Klamotten packten. Er bedankte sich bei uns (!), holte 300 DM aus der Tasche (damals gab es noch keinen Euro und kein Internet und man fuhr noch in von Hühnern gezogenen Kutschen über die schlammbedeckten Straßen) und drückte sie mir in die Hand. Ob das in etwa unsere Spritkosten decken würde, fragte er. Na klar, tat es, aber es sei nicht nötig und blah blah blah aber er bestand darauf. Was für ein korrekter Typ. Ich war beeindruckt. “Wanna meet the band?”.

Und so standen wir wie bestellt und nicht abgeholt im Backstage-Raum von The Clash, die sich angeregt mit Fans unterhielten, die es hierhin geschafft hatten. Die Legenden um die Fan-Nähe der Band waren also kein Blödsinn. Strummer diskutierte mit jungen Mädchen über deren Situation an ihrer Schule (kein Witz – der Mann hatte, wie ich bei späteren Treffen noch weiter feststellen konnte, ein unstillbares und ehrliches Interesse an anderen Menschen) und langsam wurden wir in die Gespräche mit einbezogen. Clara Drechsler war auch da, quatschte mir ein Ohr ab (und ich ihr) wie toll das alles wäre und wie super und dass sie unbedingt etwas über uns schreiben müsse. Was sie natürlich nie tat, die blöde Kuh. Und ihr Clash-Artikel war auch scheiße.

Irgendwann verzog sich Strummer zum Einpacken und ich sah meine Chance für ein Hallo unter vier Augen gekommen. Ich bedankte mich, wir plauderten. Wie ihm die Band gefallen hat, wollte ich wissen. Seine Antwort war kurz:

“You’re a good leader. But you need to work hard.”

Du kannst das, aber du musst noch üben. Nicht die Antwort, die ich erwartet hatte. Keine Antwort, die ich erhofft hatte. Vielleicht sogar eine Antwort, die er einfach nur so dahingesagt hat, aber eine wichtige Antwort für mich und die weitere Geschichte meiner Band, die es in den folgenden Jahren zwar nie zu wirklich massiven Erfolgen oder gar Geld bringen sollte, die aber immerhin um die halbe Welt tourte und eine Menge Spaß und den ein oder anderen guten Song hatte.

Mir ist bewusst, wie albern und lächerlich dieser ganze Kram für einige klingen mag. Ich war trotz meines jungen Alters damals (wie heute) kein Mensch, der “Führer” suchte, aber ich suchte (und fand) Künstler, die nicht mit einer Tarnkappe herumliefen und deren Texten ich trauen konnte. Ich kann meine Bewunderung für eine Band und für Joe Strummer insbesondere nur deswegen ohne Furcht vor Peinlichkeit äußern, weil sie nie peinlich war.

Es gibt viele Bands und noch mehr Fans, die diese Bands verehren und lieben, die ihnen auf Schritt und Tritt folgen, die ihnen an den Lippen hängen, jedes Interview, jedes Foto von ihnen kennen. Solch ein Fan war ich nie, denn die meisten dieser Bands bestätigen bewusst oder unbewusst die soziale und gesellschaftliche Position ihrer Fans als eben genau das: Fans. Anhänger. Käufer. Konsumenten. Ich, Band: hier. Du, Fan: da. Der frühe Punkrock und somit nicht nur, aber allen voran The Clash haben bewiesen, dass es auch anders geht, dass Kunst nach wie vor Inspiration und Motivation für den Einzelnen sein kann um eben mehr als nur der ewige Rezipient zu sein. Sie haben bewiesen, dass es möglich ist selbst zum Produzenten zu werden, und das ist einer der Gründe, warum ich Bloggen für eine Fortführung der Fanzine-Tradition halte, eine Art von Punk mit anderen, moderneren Mitteln (damals gab es nämlich noch gar kein Inter…. egal). Viele Leute, die irgendwann beginnen Blogs zu lesen, fangen recht schnell selbst mit dem Schreiben an.

Das ist Punk: Das kannst du auch.

2 Comments »

  • Schöner und spannender Artikel, danke dafür!

    Leider wurde die Halle mittlerweile umbenannt, die Phillipshalle wie Du sie noch kennst, gibt es also leider nicht mehr. Ich habe viele Jahre in unmittelbarer Nähe gewohnt und mich immer geärgert, wenn ich spät Abends nicht mehr mit dem Auto durchgekommen bin, weil die Fans alles vollgeparkt haben oder ganz schnell nach Ende des Konzerts in alle Himmelsrichtungen verschwunden sind.

    Davor warnen konnte uns keiner. Denn damals waren wir noch nicht inter-nett.

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