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Interview mit Julia Neigel: “Heute würde ich einiges anders machen”

LOGO DGDEMusik hat sie ihr Leben lang begleitet, ihre Karriere startete sie bereits früh in ihrer Jugend: Julia Neigel ist eine der erfolgreichsten deutschen Sängerinnen in den Bereichen Blues, Soul und Rock. Die Musikerin, die 1966 im sibirischen Banaul zur Welt gekommen ist, feierte ihren ersten Charterfolg 1988 mit „Schatten an der Wand“, wurde von den Musikzeitschriften schon nach ihrem ersten Album gefeiert.

Heute blickt Julia Neigel, die in Ludwigshafen lebt, auf eine bewegte Karriere zurück, die ihr nicht nur Höhepunkte, sondern auch Tiefen bescherte. Sie kämpfte sich jedoch immer wieder nach oben und ist noch immer mit ihrer Band dick im Geschäft. Im Moment arbeitet sie an neuen Geschäftsbeziehungen und einem neuen Album, das Mitte nächsten Jahres rauskommen soll. Im Interview mit WeCab spricht sie über die Faktoren, die für ihren Erfolg wichtig sind. Unter anderem rät sie aufstrebenden Künstlern dazu, sich früh von Fachleuten beraten zu lassen und sein Netzwerk ganz genau unter die Lupe zu nehmen. Denn für sie ist der fachliche Aspekt ebenso wichtig, wie ein guter menschlicher Umgang miteinander.

Julia Neigel ist mit ihrer Band schon lange dick im Geschäft. Foto: www.juleneigelband.de

Julia Neigel ist mit ihrer Band schon lange dick im Geschäft. Foto: www.juleneigelband.de

„Mit meinem jetzigen Wissen würde ich jedoch einiges anders machen“, sagt die Sängerin. Gleich in den Anfängen hätte sie sich, so sagt sie, besser von einem Rechtsanwalt beraten lassen. „Ich hätte mich zum Thema Songrecht informieren lassen und mir in Karrierefragen Rat suchen sollen. Auch hätte ich niemals eine GbR gegründet, aber mir fehlte damals einfach die Erfahrung und das Wissen, das ich jetzt habe.“ Spätestens nach den ersten Erfolgen wäre eine Beratung wichtig gewesen und hätte ihr im Nachhinein jede Menge Stress und einen Gerichtsprozess gegen ihre ehemaligen Kollegen der Jule Neigel Band erspart. „Das war einfach ein Riesenerfolg, der mich damals umgerissen hat. Ich konnte die Situation einfach nicht sortieren“, erzählt die Sängerin.

Trotz der negativen Erfahrungen sei es für sie nicht schwer Vertrauen zu fassen. „Ich hatte Phasen, da habe ich jedem misstraut. „Aber jetzt höre ich wieder auf meine innere Stimme und verlasse mich auf meinen Instinkt.“ Auch ihr Selbstvertrauen sei wieder hergestellt. „Deswegen fällt es mir auch leichter wieder zu vertrauen und zu sondieren.“  Insbesondere habe sie erkannt, dass es wichtig sei, immer bestens informiert zu sein.

„Wissen ist Macht. Will ich ein bestimmtes Ziel erreichen, so frage ich mich immer, welches Wissen dafür nötig ist und versuche es mir schnellstmöglich anzueignen.

Sie möchte einfach alles verstehen, was mit ihrem Job zu tun hat – Steuern, Verträge und alles, was sonst noch wichtig ist. Angst ist für sie ein Fremdwort . „Dafür gibt es keinen Platz in meinem Leben. Ich sehe alles als Aufgabe an, die ich zu lösen habe.“

Julia Neigel ist eine Powerfrau – doch ohne ein gutes Netzwerk geht es auch bei ihr nicht. Als sie nach den drei wichtigsten Personen gefragt wird, lacht sie laut los. „Drei Personen sind viel zu wenige.

Da ist beispielsweise mein Management, mein Assistent, meine Band, mein Anwalt, mein Tourneeleiter  – ohne alle die geht es nicht.“

Und das sind nur die engsten Kreise. „Mein Netzwerk ist riesengroß und das ist auch gut so.“  Dennoch ist es für die Sängerin sehr wichtig einen kleinen Kreis zu haben, auf den sie sich zu 100 Prozent verlassen kann. „Ich suche diese Menschen nicht, sie kommen zu mir. Es ergibt sich immer öfter eine positive Resonanz.“ Entscheidungen treffe sie jedoch meist alleine. Zumindest, wenn sie sich sicher ist, das Richtige zu tun. Ist sie unschlüssig, vertraut sie sich einem Experten an. „Ich habe jedoch eine persönliche Checkliste, die ich wichtig finde. Ich frage mich immer, wie ich mich bei einer Entscheidung fühle, wie mein Ziel aussieht und was ich brauche, um an mein Ziel zu kommen. Achte ich darauf, geht meist nichts schief.“

Dazu kommt, dass sie strikte Regeln für die Teamarbeit aufstellt, an die sich alle in ihrem Umfeld zu halten haben. Werden die Regeln ignoriert, sucht sie zwei bis dreimal das Gespräch. „Wenn sich dann immer noch nichts ändert, dann scheint es das falsche Geschäftsprinzip zu sein“, sagt Neigel. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht das Business sei, wovon es abhängt, wie gut oder schlecht etwas funktioniert, sondern von den Menschen. „Die Jule-Neigel-Band war basisdemokratisch organisiert – das hat definitiv nichts gebracht. Heute bin ich die Chefin und wir erstellen gemeinsam goldene Regeln, an die sich alle zu halten haben.“  Diese Regeln sind nicht unumstößlich, werden gemeinsam immer wieder modifiziert und den Erfordernissen angepasst.

Wichtig seien vor allen Dingen Pünktlichkeit und Respekt vor der Lebenszeit der anderen, Ehrlichkeit und ein freundlicher Umgang miteinander. „Jeder sollte sagen dürfen, was ihn bedrückt oder was er anders machen möchte. Offenheit ist wichtig in einem Team.“ Dazu gehöre auch, dass es kein Getratsche hinten herum gäbe und niemand eine Faust in der Tasche machen müsse.

Dass sie dabei als Frau in einem sehr männlich geprägten Umfeld unterwegs ist, das ist für die Sängerin aus heutiger Sicht nicht mehr relevant. Sie habe es genauso leicht wie Männer im Musikbusiness.

„Ich suche mir die Leute nach ihrer Persönlichkeit, ihrem Intellekt und ihrem Anspruch aus

und da gibt es keinen rauen oder rüden Umgangston. Das ist einfach nicht meins. Ich bin ein sehr herzlicher und weicher Mensch und das werde ich auch nicht ändern. “ Doch nicht zuletzt sei sie auch sehr konsequent, was viele mit Härte verwechseln würden.

Künstler müssen authentisch und nicht leicht austauschbar sein

Julia Neigel ist schon lange im Geschäft, sie weiß, welche Faktoren für den Erfolg eines Künstlers wichtig sind. Doch sind es noch immer dieselben, wie 1983? „Um einen Künstler nachhaltig zu etablieren, muss er vor allen Dingen eigen, authentisch und nicht austauschbar sein.“ Wichtig ist außerdem der Wille, sich ständig zu verbessern, jeden Tag an sich zu arbeiten. Sie müssen neue Dinge zulassen, dürfen sich dabei aber nicht verbiegen lassen. „Es ist nicht gut, wenn sich Künstler auf den Kopf stellen, nur damit sie Erfolg haben. Sie müssen glaubwürdig sein.“ Und natürlich müsse auch die musikalische Qualität stimmen. Denn spätestens, wenn die Band dann zum ersten Mal auf der Bühne stünde, sei klar, dass sie bei den Aufnahmen getrickst habe. All dies habe schon vor 30 Jahren gegolten und sei immer noch wichtig.

„Heute gibt es jedoch mehr Möglichkeiten, um erfolgreich zu werden. Noch immer ist jedoch gültig, dass die Musiker eine Begabung haben müssen, die sie mit ihrem Herzen transportieren.“

Festgelegte Strukturen und Disziplin sind für Julia Neigel sehr wichtig, wenn es um Erfolgsfaktoren geht. Zu festgefahren dürfen diese Strukturen aber auch nicht sein. „Einen typischen Arbeitstag oder eine typische Arbeitswoche kann ich nicht beschreiben. Die Tage sind viel zu individuell. Fest steht jedoch, dass ich jeden Tag zwei Stunden für Büroarbeit reserviere.“  Dann erledigt sie alles, was andere Unternehmer auch zu tun haben. Von Steuern über Mails bis hin zur Organisation von Terminen. Und damit es im Job auch dauerhaft läuft gönnt sich Neigel bewusst auch private Auszeiten. „Ich male gerne, gehe spazieren und treibe Sport. Dafür muss immer Zeit sein.“ Durch den Leistungssport, den sie schon als Kind betrieben habe, habe sie Disziplin gelernt und das Setzen von Prioritäten. „Dadurch sparst du eine Menge Zeit. Und Lebenszeit ist kostbar.“ Dasselbe gelte für Konzentration – Künstler sollten sich nicht von ihrem Ziel ablenken lassen.

Julia Neigel ist zudem nicht nur Musikerin, sondern auch politisch engagiert. So setzt sie sich im Aufsichtsrat der Gema für das Urheberrecht ein. „Ich habe keine Angst für unsere Rechte einzutreten. Ich habe auch keine Angst davor, was die Leute über mich denken könnten. Mein Image ist mir egal.“ Schlimm sei jedoch, dass die junge Generation mittlerweile mit dem Bewusstsein konfrontiert werde, dass sie dankbar sein müssen, wenn ihnen ihre Rechte zustehen. Deswegen gibt Julia Neigel den Musikern noch einen Rat mit auf den Weg:

„Schau immer auf dein Recht und deinen Selbstrespekt.

Geh nicht allem nach, nur um erfolgreich zu sein.

Und schätze den Wert Deiner eigenen Arbeit!

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