Roskilde: jeder Tag eine Love-Parade

Wie das Roskilde-Festival gerade acht Tage lang für das Wohlergehen von 140.000 Menschen sorgt. Ein Sicherheitsbericht. 
Neun Tage lang wollen die Festivalbesucher eine unbeschwerte Party in Roskilde feiern. Foto: Per Lange

Neun Tage lang wollen die Festivalbesucher eine unbeschwerte Party in Roskilde feiern. Foto: Per Lange

Sie sind mit riesigen Rucksäcken unterwegs, tragen Zelte, Schlafsäcke, Körbe mit Lebensmitteln und Getränken vor sich her: Auch dieses Wochenende pilgern wieder rund 140.000 Menschen wie jedes Jahr in das beschauliche, dänische Städtchen Roskilde, um dort acht Tage lang unweit von Kopenhagen eine riesige Live Musik-Party zu feiern. Nicht nur die Musik der über 200 auftretenden Bands (dieses Jahr u.a.: Slipknot, Rihanna, Volbeat, Metallica, Kraftwerk)  zieht sie an, sondern auch das Flair auf dem Zeltplatz. Viele nutzen die Möglichkeit ins festivaleigene Kino zu gehen, plantschen im nahegelegenen See, treffen sich mit Freunden und Fremden und wollen einfach nur mal für ein paar Tage dem stressigen Alltag den Rücken kehren.

Damit es für sie alle ein wunderbares und unvergesslich schönes Erlebnis wird, müssen natürlich auch strenge Regeln eingehalten werden: auf dem Campingplatz darf beispielsweise nur an bestimmten Stellen gegrillt oder ein Gaskocher benutzt werden, vor den acht Bühnen auf dem Festivalgelände ist Crowdsurfing und Pogen strikt verboten – wer die Regeln nicht beachtet, kann vom Festival ausgeschlossen werden.

 

„Wenn Du jedoch unsere Besucher fragst, dann werden sie Dir sagen, dass es in Roskilde kaum Regeln gibt, sondern dass man sich bei uns frei fühlen kann“, sagt Sicherheitschef Morten Therkildsen. Der 38-Jährige arbeitet seit 1996 ehrenamtlich beim Roskilde-Festival mit, seit 2002 im Sicherheitsbereich. Das Freiheitsgefühl der Festivalgäste kommt nicht von ungefähr, da das Roskilde-Festival strikt zwei Bereiche trennt:  die Sicherheit der Festivalgäste und die Security, die dafür da ist, dass Güter bewacht werden oder eben Leute daran hindert in Bereiche vorzudringen, in denen sie nichts zu suchen haben. Die Aufgaben sind klar verteilt und der Unterschied wird auch darin deutlich, dass die Sicherheitsleute alles erfahrene Ehrenamtler sind und die Security hauptamtlich beim Festival beschäftigt ist.

Nicht selten bedanken sich die Festivalbesuchern bei den Sicherheitsmitarbeitern

Die Ehrenamtler werden überall dort eingesetzt, wo es  um die Sicherheit der Festivalgäste geht: auf dem Campingplatz, den festivaleigenen Freizeiteinrichtungen oder eben vor den Bühnen. Sie verteilen Wasser an die Gäste, haben immer ein offenes Ohr für Probleme und haben die Menge stets im Blick. „Das Team geht nie aggressiv vor, sondern sucht das Gespräch mit den Gästen, erklärt ihnen ruhig was sie zu tun und zu lassen haben“, sagt Therkildsen. Der Dank dafür ist nicht selten eine offene Zuneigungsbekundung – nicht selten ist zu sehen, dass ein Festivalgast einen Mitarbeiter mit einer orangenen Sicherheitsweste in den Arm nimmt. Und sich dafür bedankt, dass sie sich um sein Wohlergehen sorgen.

Das Crowd-Safety-Team sorgt für das Wohlergehen der Zuschauer. Hier verteilt einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter Wasser ans Publikum. Foto: Roskilde Festival

Das Crowd-Safety-Team sorgt für das Wohlergehen der Zuschauer. Hier verteilt einer der ehrenamtlichen Mitarbeiter Wasser ans Publikum. Foto: Roskilde Festival

Was sich für die Besucher nach Leichtigkeit und Freiheit anfühlt, ist hinter den Kulissen harte Arbeit. Rund anderthalb Jahre vor dem nächsten Festival beginnt die Sicherheitscrew mit den Planungen. „Wir sind jetzt bereits dabei das Festival 2014 zu planen“, sagt der 38-Jährige, der sich im Hauptberuf ebenfalls mit dem Thema Sicherheit beschäftigt. Er studierte in England und war einer der ersten neun Studenten, die einen Bachelor in „Crowd & Safety Management“ erhielten.

Die Mitarbeiter in den Orangenen Westen haben ihre Augen immer auf dem Publikum. Das Bild zeigt den Eingang zum Front of Stage Bereich der Arena, Roskildes zweitgrößter Bühne. Foto: Esther Mai

Die Mitarbeiter in den Orangenen Westen haben ihre Augen immer auf dem Publikum. Das Bild zeigt den Eingang zum Front of Stage Bereich der Arena, Roskildes zweitgrößter Bühne. Foto: Esther Mai

Ganz wichtig ist dem Team sich mit Verhaltenspsychologie der Besucher auseinanderzusetzen. „Wir fragen uns, was den Gästen wichtig ist und was sie tun werden, um zu ihrem Ziel zu kommen. Aber noch viel wichtiger ist dann die Fragestellung, was wir tun können, damit sie zu ihrem Ziel kommen und sie sich und andere dabei nicht verletzen oder zu gefährden“, sagt Morten Therkildsen.  Dennoch:  das Riskio, das Menschen verletzt werden, ist immer gegeben. Doch Morten und sein Team tun alles dafür, um es zu minimieren.

Schon im Jahr 2000 galt Roskilde als eines der sichersten Festivals – und dennoch passierte der tragische Unfall

Schon im Jahr 2000, als neun Menschen bei dem Konzert der Band Pearl Jam ums Leben kamen, galt Roskilde als eines der sichersten Festivals. Wie häufig bei Großveranstaltungen, war der Grund ein Zusammenfallen verschiedener ungünstiger Faktoren: Nach starkem Regen auf dem Festival fiel eine  Headlineband auf der zweigrößten Bühne, der “Arena Stage” kurzfristig aus. Folge war ein unvorhergesehen starker Andrang auf die nächtliche Hauptbühne, auf der Pearl Jam spielten – und ein erhöhter Publikumsdruck von hinten. In Kombination mit dem aufgeweichten Boden kamen direkt vor der Bühne Menschen zu Fall – und nicht mehr nach oben. Der Unfall schockte die gesamte Konzertveranstaltungsszene Europas, denn das Sicherheitsniveau des Roskilde-Festivals galt allen als beispielhaft.

“Mängel in der Sicherheitsausstattung des Festivals wurden nicht entdeckt; im Gegenteil, alles, was geprüft wurde, entsprach den Standards. Es ist ein Trost – in diesem Fall aber ein nutzloser – dass Profis in der Musikindustrie das Roskilde-Festival als eines der sichersten und methodisch sorgfältigsten Festivals in Europa ansehen”, schrieben die Veranstalter in ihrer Erklärung. “Dass dieser Unfall dennoch in Roskilde geschah, muss allen zu denken geben – nicht zuletzt den vielen Orten, an denen die Sicherheitsvorkehrungen weniger sorgfältig sind.”

Von oben haben sie den perfekten Blick über das Publikum - die Mitarbeiter des Sicherheitsteams. Unterstützt werden sie von einem Team, das sich im Publikumsbereich aufhält und versucht die Stimmung der Besucher abzuschätzen.

Von oben haben sie den perfekten Blick über das Publikum – die Mitarbeiter des Sicherheitsteams. Unterstützt werden sie von einem Team, das sich im Publikumsbereich aufhält und versucht die Stimmung der Besucher abzuschätzen.

Nicht zuletzt deswegen haben die Organisatoren des Festivals damals den „Roskilde 2000 Tragedy Fund“ ins Leben gerufen, der sich für die Verbesserung der Sicherheitsvorkehrungen auf Großveranstaltungen einsetzt. Das Roskilde-Festival arbeitet mit vielen internationalen Festivals zusammen, damit alle in Punkto Sicherheit voneinander lernen können. Und auch in Roskilde selbst wurde seit dem tragischen Unglück vieles verändert.  „Es gibt das Team, das sich während der Konzerte immer auf dem Festivalgelände aufhält, um die Atmosphäre und die Stimmung der Zuschauer zu fühlen.“  Sollte die Stimmung kippen, kann das Team sofort Alarm schlagen. Zudem ist alles gut beschildert und an den großen Bühnen werden auf den Monitoren immer wieder Videobotschaften gesendet, beispielsweise, dass Crowdsurfing verboten ist und man gut auf sich und die Umstehenden Acht geben solle. Und die Front-of-Stage-Bereiche werden nach jedem Konzert komplett geräumt.

Vor der Orange Stage finden rund 60.000 Zuschauer Platz. Gut zu erkennen sind hier die vier Front-Of-Stage-Bereiche, die bei Bedarf einzeln geräumt werden können. Foto: Steffen Joergensen

Vor der Orange Stage finden rund 60.000 Zuschauer Platz. Gut zu erkennen sind hier die vier Front-Of-Stage-Bereiche, die bei Bedarf einzeln geräumt werden können. Foto: Steffen Joergensen

Auch das System der Absperrungen, der sogenannten “Crash-Barriers” wurde verändert. Im Jahr 2000 hatten die Rettungs- und Sicherheitskräfte enorme Probleme zu den Menschen zu gelangen, die Hilfe brauchten, weil der Druck von Hinten zu groß war. Mittlerweile ist der Front-Of-Stage-Bereich an der “Orange-Stage”, der Hauptbühne in Roskilde, in vier Teile unterteilt, die unabhängig voneinander geräumt werden können. Passiert etwas, können die Sicherheitsleute einfach einen Teil der Pit räumen ohne dass  eine Panik entsteht oder Platzprobleme. Das Soundsystem wurde verbessert und es wurden große Monitore installiert, damit die Menschen besser sehen und hören können und nicht von hinten nachdrücken. „Auch gibt es jetzt eine klarere Management-Struktur. Es gibt einen Menschen, der dafür verantwortlich ist, dass die Musik gestoppt wird. Wir wurden nach dem Unfall dafür kritisiert, dass es zu lange gedauert hat, bis die Musik ausging und haben das verbessert“, sagt Therkildsen.

Doch nicht nur die Konzerte und die Sicherheit auf dem Campingplatz interessiert das Team. Schon bevor die Menschen das Gelände zum ersten Mal betreten, tritt eines der Konzepte in Kraft – beim Einlass. „Viele Menschen reisen früh an, damit sie auch ja wieder an ihrem angestammten Platz zelten können.“ Das führt natürlich dazu, dass es vor den Toren des Geländes unter Umständen eng werden kann. Oft verbreiten sich dann noch Gerüchte, dass woanders die Toren schon auf sind – was dann zu einer Panik führen kann. „Deswegen haben wir uns in diesem Jahr entschieden, dass jeder seinen Eingang vorbuchen kann. So können wir sicherstellen, dass alle Eingänge zum Startschuss gleichmäßig frequentiert sind.“  Und um den Gerüchten entgegenzuwirken, nutzt das Festival moderne Kommunikationswege wie Twitter  und Facebook.

Morten Therkildsen leitet ehrenamtlich das Sicherheitsteam des Roskilde-Festivals. Foto: privat

Morten Therkildsen leitet ehrenamtlich das Sicherheitsteam des Roskilde-Festivals. Foto: privat

Die meiste Arbeit des Sicherheitsteams muss im Vorfeld des Festivals geleistet werden. Doch auch im Juli wird Morten Therkildsen in seiner Freizeit ehrenamtlich auf dem Festival arbeiten. „Ich werde im Kontrollzentrum zu finden sein. Dort sind dann auch Verantwortliche der Polizei, der Ambulanz, der Feuerwehr und der Security sitzen.“ Acht-Stunden-Schichten wird er dann arbeiten, während die 140.000 Menschen, auf die er  und sein Team Acht geben, ausgelassen auf dem Gelände eine riesige Party feiern.

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