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200 Kreative besuchen den Eröffnungstag der C’n’B in Köln

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Als die Sonne wieder durch die dichte Wolkendecke bricht und das Unwetter vorüber ist, sieht es schon viel freundlicher aus auf dem Gelände der Fritz Thyssen Stiftung im Herzen der Kölner Innenstadt. Menschen tummeln sich auf der Dachterrasse des Gebäudes, nutzen die Zeit zwischen den Panels zum Netzwerken. Rund 200 Menschen, die größtenteils der Kreativindustrie angehören, verteilen sich auf dem Areal der Creativity & Business Convention, das recht günstig genau zwischen Neumarkt und Rudolphplatz liegt. Schon am Eröffnungstag haben die internationalen Besucher die Qual der Wahl: 13 Panels und Workshops stehen auf dem Programm der C’n’B.


Being creative in a disruptive world

Auf der Dachterrasse der Fritz Thyssen Stiftung wurden während der C'n'B fleißig Kontakte geknüpft.

Auf der Dachterrasse der Fritz Thyssen Stiftung wurden während der C’n’B fleißig Kontakte geknüpft.

Im Riphahn-Saal des Kölnischen Kulturvereins herrschen schon am Vormittag tropische Temperaturen. Die schlechte Nachricht: Die Klimaanlage ist bis zum Anschlag aufgedreht und die Fenster lassen sich nicht öffnen. Eigentlich schon der absolute Killer für ein Panel, doch die Speaker der Eröffnungsveranstaltung „Being creative in a disruptive world“ lassen das Publikum die widrigen Umstände vergessen und die anderthalb Stunden sind wie um Flug vorbei. Nicht zuletzt auch wegen der guten Gesprächsleitung von Gastgeber Ralph Christoph.

Mate Galic von Native Instruments, Pedro Garcia von Queremos, Benji Kip Rogers von Pledge Music und Suroosh Alvi von Vice Media stellen ihre Geschäftsmodelle vor, die auch unter den neuen Marktbedingungen der “disruptive world“ funktionieren. Sie alle haben Wege gefunden, trotz der gravierenden Veränderungen, von denen die Musikindustrie derzeit kräftig durchgeschüttelt wird, Erfolg zu haben und Geld zu verdienen. Und bei allen vieren hat die Erfolgsgeschichte ungefähr denselben Anfang: sie waren unzufrieden mit der aktuellen Lage und haben sich nicht nur überlegt, was sie besser machen könnten, sondern ihre Visionen auch in die Tat umgesetzt.

Die Teilnehmer des Panels "Being creative in a disruptive world" stellten ihre Erfolgskonzepte vor.

Die Teilnehmer des Panels „Being creative in a disruptive world“ stellten ihre Erfolgskonzepte vor.

Suroosh Alvi gründete beispielsweise im französisch-sprachigen Montreal ein englisch-sprachiges Musikmagazin. „Einfach, weil es nichts Vernünftiges zu Lesen gab. Das war eine wirtschaftlich völlig unsinnige Entscheidung – aber manchmal ist Unwissenheit wirklich ein Geschenk.“ Mit viel Durchhaltevermögen ist Vice Media von einem Fanzine zu einem Medienimperium geworden, mit weltweit 35 Büros. Schon lange geht es nicht mehr nur um ein Magazin, sondern auch um Film, ein Plattenlabel und Booking – aber immer um faire, gut aufbereitete und interessante Informationen. Mate Galic war ebenfalls unzufrieden: „Ich wollte die Grenzen, die mir von Herstellern von Software gegeben wurden, einfach nicht akzeptieren und habe dann angefangen meine eigenen Tools zu entwickeln.

Bei Queremos war es ähnlich: Pedro Garcia war es satt, ständig reisen zu müssen, um seine Lieblingsbands zu sehen. „Die Promoter in Rio haben bei vielen Bands das Potenzial nicht gesehen. Sie meinten, ein Konzert zu veranstalten, lohne sich bei manchen Künstlern einfach nicht.“ Pedro Garcia wollte dennoch seine Lieblingsbands nach Brasilien holen – und so hatte er die Idee, Mails zu verschicken und um finanzielle Unterstützung zu bitten, damit das Konzert stattfinden kann. Aus den Mails mit dem Paypal-Link entwickelte sich dann langsam die Crowdfunding-Plattform Queremos, die schon vielen Künstlern wie beispielsweise The Kills, Two Door Cinema Club und dem LCD Soundsystem die Möglichkeit gegeben hat, in Rio aufzutreten.

Pledge Music bietet Musikern eine alternative Form einer Projekt-Finanzierung an. „Wir haben einfach gesehen, dass sich die Leute fragten, warum sie für etwas bezahlen sollen, was sie auch umsonst haben können. Mit Pledge haben wir einen Weg gefunden, einen zusätzlichen Wert zu kreieren. Die Fans sind von Anfang an bei der Entstehung der Platte involviert, sie bekommen einen persönlichen Bezug zu dem Werk, das gerade entsteht“, sagt Benji Kip Rogers von Pledge.

Die Fans stehen bei allen vier Projekten im Mittelpunkt: was wollen sie? Was brauchen sie? Durch die Entwicklung von Internet 1.0 zum interaktiven Web ist es den Firmen möglich im ständigen Austausch mit ihren Kunden zu bleiben. Und so eben auch am Puls der Zeit zu bleiben. Doch die wenigsten machen sich dieses zu Nutze. Dabei könnten sie so viel Geld mitnehmen, das ungenutzt liegen bleibt, weil sie die falschen Produkte entwickeln. Die innovativen Projekte wollen dabei den Alteingesessenen aber keineswegs Konkurrenz machen. „Klar finde ich, dass jeder Künstler sein Album pledgen sollte, aber das geht doch auch in Zusammenarbeit mit einer Plattenfirma“, sagt Benji Kip Rogers von Pledge.

Die Blogger, die ihre Seiten vorstellten, sind sich einig, dass die Zukunft von Musikblogs nicht nur von automatisierten Video- und Songlisten gestaltet wird.

Die Blogger, die ihre Seiten vorstellten, sind sich einig, dass die Zukunft von Musikblogs nicht nur von automatisierten Video- und Songlisten gestaltet wird.

Global Music Blogs

Eine Stunde später ist es zwar nicht mehr ganz so heiß im Riphahn-Saal, aber auch nicht mehr so interessant. „Global Music Blogs“ stehen auf dem Programm. Munbir Chawla, Chico Dub, Uriel Waizel und Felix Zeltner stellen ihre Blogs vor, zeigen sie – und erklären, wie sie sich finanzieren. Ansonsten folgt ein Ritt durch größtenteils spanisch-sprachige Seiten, was für nicht spanisch sprechende Zuschauer eher uninteressant ist. Der einzige Lichtblick des Panels ist die Frage, ob die Zukunft der Blogs so aussehen würde, dass nur noch Videos gepostet würden. Dass die Menschen, die die Musik auswählen und ihr eine Geschichte und einen Rahmen geben, wichtig seien, da sind sich alle Panel-Teilnehmer einig.

Social Media – Monetizing the entertainment industry

Auch das Panel „Social Media – Monetizing the entertainment industry“ steht unter keinem guten Stern. Diesmal sind es nicht die hohen Temperaturen, die den Teilnehmern zu schaffen machen, dennoch ist das Wetter teilweise an einer spontanen Programmumgestaltung schuld. Zwei der Panelteilnehmer haben es wegen des Unwetters nicht nach Köln geschafft. Ein Panelteilnehmer ist erkrankt und so sitzt Moderator Wilfried Runde nur David Görges, dem Social Media Manager von Borussia Dortmund gegenüber. Der erklärt, wie Borussia seinen Social Media Auftritt seit 2011 umgestaltet hat. Der Verein ist in eine direkte Kommunikation mit den Fans eingetreten und übernimmt nicht mehr nur die Überschriften von der Borussia-Webseite.

David Görges war der einzige Teilnehmer vom Social Media Panel, der es trotz Unwetter rechtzeitig nach Köln geschafft hatte.

David Görges war der einzige Teilnehmer vom Social Media Panel, der es trotz Unwetter rechtzeitig nach Köln geschafft hatte.

Zwar sind die Strategien von Borussia gut auch für den Kreativmarkt anwendbar, da sowohl Sport als auch Musik und Kunst stark von einer emotionalen Verbundenheit der Fans abhängig sind, jedoch fehlt dem Panel die Überleitung dazu. Dass nicht tiefer ins Thema eingetaucht werden kann, ist mit Sicherheit auch dem Zeitmangel zuzuschreiben. In 45 Minuten und mit nur einem Panelisten ist diese Transfer-Leistung schwer zu erbringen. Die Teilnehmer bekommen einen guten Einblick in die Social Media Aktivitäten des Bundesligisten, die eigentliche Fragestellung, wie man diese Aktivitäten zu Geld machen kann, wird jedoch nur gestreift.

Panel „Artist vs. Label“ greift verschiedene Labelmodelle auf

Intro-Chefredakteur Thomas Venker moderierte das Panel souverän.

Intro-Chefredakteur Thomas Venker moderierte das Panel souverän.

Zeitgleich zum „Monetizing“-Panel diskutieren im immer noch zu warmen Riphahn-Saal unter dem etwas irreführenden Titel „Artist vs. Label“ Labelvertreter über verschiedene Labelmodelle der Gegenwart. Moderiert wird das Panel von Intro-Chefredakteur Thomas Venker, der sich im Gegensatz zu anderen moderierenden Printredakteuren in den Vorjahren sowohl durch eine gewisse Kompetenz als auch prinzipielle Moderationsfähigkeit auszeichnete. Die wurde aber gar nicht so sehr benötigt, weil sich die Labelteilnehmer mit interessierten Fragen an die jeweiligen Kollegen auch durchaus die Bälle selbst zuspielen können. Carlos Luis Ruben Schenk verknüpft zum Beispiel die Talentauswahl (das sogenannte „A&R“), das Management von Bands, sowie die Konzertagenturtätigkeit bei der alteingesessenen Konzertagentur A.S.S. und verbindet so Tätigkeiten, die normalerweise in verschiedenen Händen liegen. Für die Bands sucht er dann Label oder Promotiondienstleister selbst aus.

Ganz anders das Arbeitsmodell von Alexander Hettler. Der war vor einer guten Dekade noch als Produktmanager bei der Majordivision Motor Music beschäftigt, stieg dann aber um, um nach diversen Zwischenstationen wieder bei der Motor Entertainment Division zu landen. Nur dass die Firma mittlerweile nicht mehr Teil von Universal ist, sondern eine Quasi-Promotionagentur mit dem Aufgabenportfolio einer ganzen Plattenfirma. Nach dem Motto „rent a record company“ können gutbetuchte Künstler die Firma buchen und sich deren Leistungen von Promotion über Marketing bis zur Herstellungskoordination modular zusammenbuchen. Die Rechte für die Aufnahme verbleiben damit weitestgehend beim Künstler – das finanzielle Risiko aber ebenso.

Carlo Schenk fordert optimalen Einsatz vom Label für den Künstler.

Carlo Schenk fordert optimalen Einsatz vom Label für den Künstler.

Damit hatte Carlo Schenk so seine Probleme, denn für ihn müssen gerade die Partner auf der Labelseite sich auch mit der Band identifizieren können, die vermarktet werden soll. Schließlich will er den idealen Einsatz von diesem wichtigen Partner. Die Tatsache, dass Motor auch mit ehemaligen Megastars wie Marius Müller Westernhagen zusammenarbeitet, rang ihm nur ein ironisch-trockenes „cool“ ab. Hettler hielt dagegen, er sei mittlerweile lange genug in der Branche um auch professionelle Arbeit für Künstler zu machen, die nicht nach seinem Geschmack seien. Das zähle für ihn zum professionellen Anspruch.

Ronny Krieger hält als Labelmanager gerade die Geschicke von Monkeytown und 50 Weapons zusammen, zwei angesagte Label die eigentlich in Künstlerhand sind: Das Elektronikduo Modeselektor entschied sich nach ersten Gehversuchen dazu, ihre Geschicke selbst in die Hand zu nehmen, besorgten sich bei Krieger das Knowhow für eine Labeleröffnung. Krieger, selbst bekennender Control Freak („Bei mir stehen die Veröffentlichungsdaten schon 1 ganzes Jahr vorher fest und meistens halten wir die Daten auch ein!“) empfindet die Zusammenarbeit als spannend und fruchtbar, zumal ein künstlergemanagtes Label verstärkt andere Künstler anzieht, die gerne auch „Teil einer coolen Gang“ sein wollen. Das ist für ihn sowieso der Hauptgrund, warum Bands bestimmte Label bevorzugen, die Assoziation zu einem passenden Labelimage und anderen Künstlern. Die Kehrseite der Medaille sei es nur, wenn man befreundeten Künstlern absagen müsse. Das sei meistens eher unangenehm.

Julian Krohn, A&R des Majorlabels Universal zeigt auf, dass sich auf bei den Labelmodellen der Majors so Einiges geändert hat: Die lokalen Divisions werden zunehmend stärker, weil sich die Märkte wieder individualisieren. Weniger Internationale und dafür mehr nationale Acts setzen sich durch. Die Deals werden flexibler. 360 Grad Modelle sind zwar immer noch das vorherrschende Geschäftsmodell, aber es gibt auch zunehmend Ausnahmen vom üblichen langfristigen Major-Deal.

Insgesamt war es überraschend, wie sehr sich die verschiedenen Labelmodelle mittlerweile ausdifferenziert haben und auch wie gut diese unterschiedlichen Modelle in der Praxis funktionierten. Die Antwort auf die Krise der Musikindustrie scheint – zumindest in diesem Zwischenstadium – auch in der Differenzierung der Branchenmodelle zu liegen….

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