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Warum sich laut.de und Thom Yorke von Spotify distanzieren

laut.de und Thom Yorke distanzieren sich von Spotify. Zu gering seien die Breite und die Ausschüttungen. Bild: Screenshot/bearbeitet

laut.de und Thom Yorke distanzieren sich von Spotify. Zu gering seien die Breite und die Ausschüttungen. Bild: Screenshot/bearbeitet

Sie war eine der erfolgreichsten deutschen Apps auf Spotify – nun ist sie Geschichte: laut.de hat seinen Vertrag mit dem Musikstreaming-Dienst Spotify beendet. Nutzer konnten dort aktuelle laut.de-Kritiken lesen und nebenbei die rezensierten Platten anhören. Ebenso hat sich Radiohead-Frontmann Thom Yorke von der Streamingplattform teilweise distanziert.

Laut.de begründet die Trennung von Spotify damit, dass sie dem Unternehmen keine Inhalte schenken wollen. „Schweren Herzens haben wir unseren Vertrag mit Spotify beendet. Der Grund ist recht einfach: Wir mögen einem 4-Milliarden-Dollar-Unternehmen keine Inhalte mehr schenken. Denn leider war der Nutzen dieser ‘Zusammenarbeit’ recht einseitig verteilt. Wir haben weder Geld bekommen, noch hat die App uns zahlreiche neue User zugeführt. Trotz langer Verhandlungen war Spotify nicht bereit, ein Kooperationsmodell zu finden, von dem beide Seiten profitieren“, sagt Laut-AG-Vorstand Rainer Henze.

„Wir finden das sehr schade und es tut uns leid für alle Spotify-Nutzer, die unsere App installiert hatten. Vielleicht finden wir irgendwann einen anderen Streamingdienst, mit dem sich eine faire Zusammenarbeit realisieren lässt“, sagt er. Wie genau diese Zusammenarbeit mit einem defizitären Unternehmen aussehen soll, dazu wollte sich laut.de leider nicht äußern. Die Firma gibt seit 2009 keine Interviews mehr.

Radiohead-Frontmann Thom Yorke hat die Stücke von seinem Seitenprojekt "Atoms for Peace" wieder bei Spotify entfernen lassen. Bild: Radiohead

Radiohead-Frontmann Thom Yorke hat die Stücke von seinem Seitenprojekt “Atoms for Peace” wieder bei Spotify entfernen lassen. Bild: Radiohead

Jedoch sind sie nicht die einzigen, die sich in dieser Woche gegen den Streaming-Dienst stellten. Auch Radiohead-Frontmann Thom Yorke wird die meisten seiner Songs von seinem Projekt „Atoms for Peace“ aus dem Streaming-Dienst entfernen und prangerte die mageren Einkünfte für Musiker an.

Thom Yorke: “Wir stehen für alle Musikerkollegen auf!”

“Wir starten eine kleine, bedeutungslose Rebellion gegen Spotify”, ließen Radiohead-Frontmann Thom Yorke und Nigel Godrich ihre Fans über Twitter wissen. Nach sechs Monaten haben die Musiker ihr Bandprojekt “Atoms For Peace” vom Internet-Streaming-Dienst Spotify entfernt. Die Einnahmen seien einfach zu gering gewesen. Yorke twitterte: “Täuscht euch nicht, neue Künstler. Ihr werdet die Erfahrung machen, dass ihr auf Spotify nicht bezahlt werdet, während die Aktionäre fette Beute machen.” Auf die Vorwürfe eines Twitterers, die “kleine, bedeutungslose Rebellion schade nur den Fans”, entgegnete Yorke: “Nein, wir stehen für alle unsere Musikerkollegen auf.”

Gerade Thom Yorke ist relativ unverdächtig, dass es ihm in diesem Streit nur um Kohle geht. Schließlich war es seine Band Radiohead, die als erste große, international bekannte Band ein ganzes Album kostenlos im World Wide Web veröffentlichten. Im Jahr 2007 stellten sie ihr neues Werk “In Rainbows” ins Netz. Dabei überließ es das Quintett aus Oxford den Fans, wie viel sie für das Album bezahlen wollen. Die Zusammenarbeit mit den großen Plattenfirmen, den Major Labels, hatten sie ohnehin schon zuvor eingestellt.

Radiohead setzten Vertrauen in die Fans und ließen sie selbst den Preis bestimmen – keine gute Idee

Vielleicht begann Yorke schon damals am Altruismus der Downloader zu zweifeln, denn: Viele luden das Album “für umsonst” herunter. Insgesamt zahlten die Nutzer im Schnitt gerade mal vier Dollar für ein Album, das von Kritikern als Meisterwerk gelobt wurde. Eine Reaktion, die die Band enttäuschte. Den Nachfolger veröffentlichte die Band zwar wieder zuerst online. Diesmal gab die Band allerdings einen festen Preis vor.

Spotify setzt der Kritik Zahlen entgegen: das Unternehmen hat bereits jetzt mehr als 1000 Mitarbeiter. Vergangenen Monat verkündete das Unternehmen in New York erneut Neueinstellungen und teilte mit, insgesamt bereits 500 Millionen Dollar an Tantiemen ausgezahlt zu haben. Bis Ende des Jahres würde sogar eine Milliarde Dollar erreicht werden.

Spotify wächst und wächst - dennoch können selbst bekannte Künstler nach den Ausschüttungen nicht im Geld baden. Foto: Steffen Schäfer

Spotify wächst und wächst – dennoch können selbst bekannte Künstler nach den Ausschüttungen nicht im Geld baden. Foto: Steffen Schäfer

Spotifys Geschäftsführer für die deutschsprachigen Länder, Stefan Zilch, sagte dem Online-Portal Crinox, in 2013 mit 500 Millionen Euro genauso viel an die Musikindustrie auszuschütten, wie in den vergangenen fünf Jahren zusammengenommen. Ganze 70 Prozent seiner Umsätze gebe Spotify im Übrigen an die Rechteinhaber und die Verwertungsgesellschaften weiter. Spotify wächst und wächst, dennoch sind die tatsächlichen Ausschüttungen an die Musiker viel geringer als bei einem Download oder bei einem physischen Produkt.

Wegen der imposanten Wachstumsraten setzt die Musikindustrie jedoch große Hoffnungen in den 2008 in Stockholm gegründeten Streaming-Dienst. Die Branchenriesen Sony, Universal Music und Warner sind an dem Unternehmen beteiligt. Weil durch die Download-Piraterie seit Jahren die Verkaufszahlen der Plattenfirmen immer weiter in den Keller sacken, sieht die Musikindustrie in den Diensten ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell.

Aber: Nach Berechnungen der britischen Zeitung “Guardian” zahlt Spotify den Musikern etwa 0,46 Eurocent pro Stream. Wir selbst kommen auch noch auf deutlich niedrigere Zahlen von ungefähr  0,25 Cent pro Stream, wobei die Werte stark variieren. Denn wird ein Song von einem Premiumnutzer abgerufen, so bringt er mehr ein, als ein Song, der von einem User abgerufen wird, der nichts für sein Spotify-Abo bezahlt. Bei einer Million abgerufener Songs erhalte ein Musiker etwa 2500 Euro.

Thom Yorke twitterte letztlich dazu: “Macht keinen Fehler. Die neuen Künstler, die ihr auf Spotify entdeckt, verdienen kein Geld. Die Aktionäre hingegen werden sich bald darin wälzen. So einfach ist das.”

Neue und unbekannte Künstler haben kaum eine Chance

Yorke und sein Manager Godrich erklärten, zwar könnten große Bands mit Spotify schon einiges verdienen. Neue oder unbekannte Künstler hätten hingegen kaum eine Chance. “Die Rechnung geht einfach nicht auf”, sagte Yorke. Für Radiohead wohl offenbar schon: Im Gegensatz zu den Soloprojekten Yorkes und Godrichs sowie ihres gemeinsamen Musikprojekts sind die Songs der Erfolgsband weiterhin auf Spotify abrufbar. Aber das Konzept Spotify scheint für Nischenbands hingegen kaum aufzugehen.

Mit ihren Zweifeln sind Thom Yorke und laut.de nicht allein. Schon 2011 hat das Label Century Media all seine Künstler wieder von Spotify entfernen lassen. Hier die Erklärung dazu: „Während jeder in der Label-Gruppe an die Chancen glaubt, die neue Technologie mit sich bringen und daran, dass sie uns neue Wege eröffnen, Musik zu den Fans zu bringen, glaubt Century Media jedoch auch, dass Spotify in seiner derzeitigen Form nicht die Zukunft ist. Das Einkommen der Künstler wird massiv beeinflusst und die Abwärts-Spirale dadurch schneller, was vielleicht sogar dazu führen wird, dass Musiker nicht mehr in der Lage sein werden ihre Musik so aufzunehmen, wie es sein sollte. Außerdem kann es in manchen Fällen dazu führen, dass einige, kleinere Bands komplett verschwinden, die jetzt schon ums Überleben kämpfen.

cmlogoGleichzeitig glaubt Century Media jedoch auch, dass Spotify ein großartiges Instrument ist, um neue Musik zu entdecken und ist deswegen dabei, die Musik ihrer Künstler in Form von Samplern wieder teilweise zugänglich zu machen. Auf diese Weise können die Fans noch immer großartige Musik entdecken, die auf dem Label veröffentlicht wird.

Physische Verkäufe gehen in all den Ländern dramatisch zurück, in denen Spotify aktiv ist. Künstler sind von dem Einkommen abhängig, dass sie für ihre Musik bekommen – und unser Job als Label ist es, sie dabei zu unterstützen. Künstler müssen ihre Musik verkaufen, um weiterhin kreativ arbeiten zu können – und aus diesem Grund ist Spotify ein Problem für sie. Hier geht es ums Überleben, nicht mehr und nicht weniger. Und es ist verdammt noch einmal an der Zeit, dass Fans und Konsumenten verstehen, dass es für Musiker essentiell ist, ihre Musik zu verkaufen, um nicht zu ertrinken. Die Konsumenten können frei wählen, ob sie Musik kaufen, streamen oder stehlen wollen. Aber sie müssen sich auch bewusst sein, dass ihre Art Musik zu konsumieren, auch einen direkten Einfluss auf die Künstler hat.“

Spotify ist ein Segen für die, die entdeckt werden wollen. Wer mit dem Portal Geld verdienen möchte, der muss schon ein Superstar sein. John Silk, der unter dem Namen DJ Scaramanga Silk unterwegs ist, bedankte sich jüngst in einem offenen Brief für sein erstes Haus, das er über die Einnahmen aus Spotify kaufen konnte. Wer jetzt an eine Villa mit Pool denkt, der liegt falsch: es ist ein Lego-Haus.

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6 Comments »

  • Michael sagt:

    Ich kann mir gut vorstellen, dass höchstens sehr bekannte Bands so viele Streams haben, dass sich das Ganze richtig rechnet. Für unbekannte Newcomer bleibt da eher wenig hängen, wobei da dann auch die Frage ist, wie viele Bezahldownloads sie sonst vermelden könnten. Wie quasi alles im Leben sind die Streaming-Dienste Fluch und Segen zugleich.

    Ich verstehe die Ablehnung und gerade zum Zeitpunkt der Neuveröffentlichung eines Albums denke ich, ist es wirtschaftlich nicht sinnvoll, das Werk schon auf Spotify und Co einzustellen, sondern eher dann, wenn die erste “Aufregung” über ein neues Album eh etwas verflogen ist. Oder man nutzt zunächst nur “Appetizer” neuer Werke…

    Andererseits macht man es sich aber auch etwas leicht, reine “Auszahlungen” von Stream und Download gegenüberzustellen, denn nur ein Bruchteil der Streamer würde das gleiche Album auch kaufen. Insofern wird der Abstand zumindest etwas relativiert, wenn wohl aber aktuell auch noch nicht egalisiert. Es kommt aber auch noch ein anderer Punkt hinzu: Der “Erlös” durch Streaming-Dienste zeigt sich ja nicht nur bei deren Ausschüttung, sondern auch eventuell bei Merchandise-, Konzertticketverkäufen und was weiß ich noch… ist sicher nicht ganz leicht das alles objektiv aufzurechnen und ein “richtiges” Ergebnis gibts da sowieso nicht, weil vieles auf Vermutungen beruht (“Hätte er es sonst gekauft? Hat er das Ticket nur gekauft weil er die Band dank Streaming kennengelernt hat? etc etc).

    • Esther Mai sagt:

      Ich denke, dass man immer einen mittelweg wählen kann – es zwingt dich ja keiner dein gesamtwerk auf spotify einzustellen – drei, vier gut ausgewählte songs, die lust aufs album machen… und den spotify-kunden dann zum kauf/legalen download des albums anregen.

  • WilliWin sagt:

    Spotify ist ne tolle Sache für die user. Ich würde für mein Premium-Abo gerne deutlich mehr zahlen, wenn die dämlichen deutschen GEMA-Beschränkungen aufgehoben würden.

    Noch lieber wäre mir ein Angebot, das wirklich fair mit Musikern umgeht. Das dürfte auch gerne richtig teuer sein. Und dann bitte wieder mit laut.de.

  • Johannes sagt:

    Na, die Majors sind unsersättlich: sind sie doch in den fetten Jahren gross und mächtig gewesen..

    Wenn der User endlich 30,- Euro pro Monat bezahlen würde, könnte man ja den Satz für die ollen 0815-Künstler (die sollen froh sein, dass sich überhaupt (!) was kriegen), ja gemäss spotify Grössenordnung um weitere 0.000000013 % pro Jahr anheben, die anderen 19.999999987 Euro pro Nase behalten die Labels nämlich SELBER – ätsch!!

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