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Initiative Musik verleiht Spielstättenprogrammpreis 2013

Zeitgleich mit dem ersten Tag des Reeperbahnfestivals, wenn auch offiziell nicht Teil desselben, hat die Initiative Musik am Mittwoch in Hamburg zum ersten mal den “Spielstättenprogrammpreis Rock, Pop, Jazz” verliehen. Die Verleihung fand im “Übel und Gefährlich” in bester Hamburger Szene-Lage statt. Umso erfreulicher war es, dass Kulturstaatsminister Bernd Neumann sich in trotz des “gefährlichen” Namens der Venue aus Berlin aufmachte, den Spielstättenprgrammpreis persönlich an die prämierten Spielstätten und Veranstalter zu verleihen.

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Der Preis ist als Förderpreis ausgelegt und soll Veranstaltern und Spielstättenbetreibern dabei unterstützen, ein vielfältiges und spannendes Kulturprogramm auszurichten. Der Bundeshaushalt hat dafür eine Gesamtfördersumme von einer Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Bislang wurde die Förderung von Pop- und Rockmusik auf Bundesebene allein mit dem jährlichen Fördervolumen von 1,5 Millionen Euro von der Initiative Musik bestritten.

Vergeben wird der Spielstättenprogrammpreis in drei Kategorien, angefangen bei Veranstaltern, welche mindestens zehn Live-Veranstaltungen im Jahr durchführen (Kategorie III), über Spielstätten, die mehr als eine Live-Veranstaltung wöchentlich auf die Beine stellen (Kategorie II). Und schließlich Spielstätten, die gleich mehrere Livemusik-Veranstaltungen wöchentlich durchführen (Kategorie I). All diese Spielstätten dürfen allerdings nicht mehr als 1000 Zuschauer fassen. Diese drei Kategorien sind mit jeweils 5000 Euro, 20.000 Euro beziehungsweise 30.000 Euro dotiert.

Laut der Initiative Musik sind die Preiskriterien für die prämierten Spielstätten und Veranstalter kulturell herausragende Livemusikprogramme. Diese sollen qualitativ anspruchsvoll, Trend setzend und kreativ gestaltet sein. Außerdem verlangte die Jury, das Künstlern angemessene Gagen gezahlt werden. Besonders wichtig war für die Preisvergabe zudem, dass die auftretenden Künstler zu einem hohen Anteil aus dem Nachwuchsbereich und Deutschland kommen. Die kulturellen Schwerpunkte sollten sich vor allem zeitgenössischem Jazz oder experimenteller Rock- und Popmusik widmen.

Grußwort von BKM Neumann beim Spielstättenprogrammpreis (c) Initiative Musik, Fotografin Xenia Zarafu

Grußwort von BKM Neumann beim Spielstättenprogrammpreis
(c) Initiative Musik, Fotografin Xenia Zarafu

Die Geschichte des Preises begann mit einer Initiative der Jazzverbände, welche sich dafür einsetze, ein Förderinstrument für die Jazzszene in Deutschland zu entwickeln. Dabei fiel die Wahl der Initiative Musik in Abstimmung mit den Verbänden schnell auf einen Förderpreis, da ein solcher relativ unbürokratisch vergeben werden kann. Die Vergabe von Fördergeldern ist im Allgemeinen häufig mit einer Antragsbürokratie verbunden, welche zum einen Personal bei den Antragsstellern bindet, zum anderen aber auch einen erheblichen Aufwand bei den vergebenden Stellen erfordert. Dem gegenüber ist die Förderung mit Hilfe von Förderpreisen relativ einfach zu realisieren und kann, im Idealfall, ebenso transparent, wie effektiv betrieben werden. Im späteren Verlauf wurde von Seiten der Pop- und Rockspielstätten gefordert, dass auch Veranstaltungen und Venues aus Bereichen Jenseits des Jazz mit diesem Instrument gefördert werden sollten. Mit Erfolg – so wird nun ein Förderpreis ausgeschrieben, der alle musikalischen Sparten außerhalb der Alten beziehungsweise Neuen Musik fördert.

Warum ausgerechnet Spielstätten und Liveveranstaltungen gefördert werden erklärten Professor Gorny und der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien Bernd Neumann in ihren  engagierten Reden damit, dass gerade für junge Musiker Auftrittsmöglichkeiten eine wichtige Vorraussetzung für den Karrierestart sind.

Insbesondere Jazz, als eine Musik, die aus der Livesituation und von der Inprovisation lebt, kann nur in einer lebendigen Livemusikszene aufblühen. Nicht weniger engagiert trat Rüdiger Kruse MdB (CDU) auf, der sich einen neckischen Seitenhieb Neumanns, Hamburgs Beitrag zum Spielstättenprogrammpreis sie mit 50.000 Euro ein überschaubarer aber dankbar empfangener Betrag, zunutze grundsätzlicher über kulturpolitische Prioritäten zu sprechen. So habe es der Bundesbeauftragte in seiner Amtszeit zwar geschafft, die Filmförderung zu verzehnfachen, nun sei es aber an der Zeit auch in der Musikförderung jenseits von Bayreuth ähnliches zu bewegen. Eine Forderung, der sich viele der Anwesenden, dem Applaus zufolge, anschließen konnten.

Findus

Die Band “Findus” beteiligte sich am Protest für das Molotow

Hinsichtlich der Transparenz und der zugrundeliegenden Maßstäbe für die Vergabe des Preises gab es im Vorfeld einige Kritik. Der Preis, so hieß es, bevorzuge vor allem Jazzveranstaltungen. Tatsächlich fühlte der geneigte Gast der Preisverleihung sich bei der Vergabe der untersten Kategorie III ein wenig an Helge Schneiders “Jazzclub” und an dessen wohl bekannteste Drehbuchzeile erinnert – “Jazz, Jazz, Jazz… sag es nochmal.. Jazz”. Dieser Eindruck verflüchtigte sich allerdings bei der Vergabe der weiteren Kategorien, wenn nicht sogar bei der Prämierung des Hauptpreises der Jury für die Kategorie III an die Veranstalter von “Eine Welt aus Hack Konzerte”. Die Sonderpreisträger gestalten ein hervorragendes Musikprogramm, welches aber mit Jazz bestenfalls am Rande zu tun hat.

Zu der Kritik äußerte Olaf Möller, als Vertreter der LiveKomm, welche den Abend ausrichtete: “Wer nicht anfängt, wird nicht fertig”. Man müsse die Kritik, soweit konstruktiv, ernst nehmen, wichtig sei aber zunächst, dass der Preis ins Leben gerufen werden konnte. Veränderungen, so Möller, können und müssen im Kreise der beteiligten Institutionen diskutiert werden, ein solcher Preis könnte sich aber in den folgenden Jahren weiterentwickeln und entsprechend verbessern. Wie gut der Preis allerdings bereits bei seiner ersten Verleihung angenommen wurde, war beipielsweise auch daran zu erkennen, dass die Macher des bekannten Berliner Berghain sich für diese Preisverleihung nach Hamburg aufmachten ohne selbst zu den Preisträgern zu zählen.

Molotoweingang

Opfer von Gentrifizierung, das Molotow in Hamburg

Es zog sich neben dem geplanten Programm ein weiterer roter Faden durch den Abend. Das Molotow, eine der Liveclubistitutionen der Hamburger Reeperbahn, hatte am Vortag mitgeteilt bekommen, dass es im Zuge eines Neubauvorhabens der Bayerischen Hausbau Mitte nächsten Jahres wird schließen müssen. Die war zwar länger bekannt, nur gab es im Vorfeld Absprachen mit der Investmentgesellschaft, welche sich nun als wertlos herausgestellt haben.  Molotowgeschäftsführer Andi Schmidt fasst die gegenwärtige Situation zusammen: “Das Molotow hat in dieser Woche seine Kündigung erhalten. Spätestens zum 30.06.2014 müssen wir aus unseren alten Räumlichkeiten ausziehen. Wenn wir keine neue Location finden, um zumindest die Bauzeit überbrücken zu können, sieht es für uns mehr als schlecht aus. Ausserdem hat der Investor auch seine Zusage revidiert, dass wir zu gleicher Miete wieder in den Neubau einziehen können. Dadurch wird die Zukunft des Molotows noch unsicherer.”

Auch bei der Verleihung der Priese der Kategorie I war die Schließung des Molotow Thema. (c) Initiative Musik, Fotografin Xenia Zarafu

Auch bei der Verleihung der Priese der Kategorie I war die Schließung des Molotow Thema.
(c) Initiative Musik, Fotografin Xenia Zarafu

Die Folgen des zunehmenden Interesses von Immobillienentwicklern, Objekte in Szenevierteln aufzukaufen, um Neubauten und sanierte Gebäude gewinnbringend an Wohlhabende und Firmen zu vermieten oder zu verkaufen, hat schon so manches ehemalige Kreativzentrum in etwas verwandelt, welche mancher “Latte Macchiato Ghetto” nennt. Die Schließung des Molotows ist dabei kein Einzelfall, jedoch findet insbesondere in diesen kleineren Läden in Szenevierteln vieles statt, was Vielfalt und Innovation ermöglicht und Musikkultur leben lässt. Viele Statements des Abends, angefangen bei den Einleiteten Worten von Dieter Gorny über die Grußworte der politischen Redner bis hin zu den Ansagen der Band Findus und den Reden der Laudatoren sprachen sich für die Erhaltung und Förderung dieser Vielschichtigen Musikkultur aus. Angemessene Gagen waren ein Auswahlkriterium für die Verleihung, was auch als Appell für ein faires Miteinander von Veranstaltern und Künstlern gewertet werden muss. Dass Karsten Schölermanns Ausblick, die Zukunft von Konzertveranstaltung läge in Pay-What-You-Like-Modellen (dem alten “Auf-Hut-Spielen”), lauten Protest in einem Publikum aus lauter Verantaltern erntete, zeigte umso mehr, dass dies auch heute schon für viele Konzertveranstalter selbstverständlich zu sein scheint.
Der Spielstättenprogrammpreis 2013 hat somit mehr bewirkt, als eine neue Förderung für die Livemusik in Deutschland einzuführen, mit seiner Verleihung bot er eine Plattform für den politischen Ruf nach mehr und vielfältigerer Musikkultur.

Die Preisträger finden sich, nach Bundesländern geordnet unter folgenden Links:
Preisträger Bayern
Preisträger Baden-Württemberg Rheinland-Pfalz Hessen
Preisträger Hamburg Schleswig-Holstein Mecklenburg-Vorpommern Niedersachsen
Preisträger Nordrhein-Westfalen
Preisträger Sachen Thüringen

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