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WeZAP Fernsehkritik: Jenke: Im Bett von mit Kim Dotcom

Moderator Jenke trifft auf Kim Dotcom in Neuseeland - ein Rührstück? Foto: Screenshot

Moderator Jenke trifft auf Kim Dotcom in Neuseeland. Foto: Screenshot

Zur besten Sendezeit zeigt RTL sein neues Homestory-Format „Jenke – ich bleibe über Nacht“ und trifft sich zur Pilotfolge in Neuseeland mit MegaUpload-Gründer Kim „Dotcom“ Schmitz in dessen Villa. Komponist und Urheberrechtsexperte Matthias Hornschuh wundert sich über journalistische Grenzerfahrungen zur besten Sendezeit.

Zuerst eine kurze Irritation: Auf der RTL-Seite zum neuen Format Jenke – Ich bleibe über Nacht: Zu Besuch bei Kim Schmitz stolpere ich über das Wort „Politfolge“. Ui! Auf dem Sendeplatz von Exklusiv?! Das klingt vielversprechend. Aber ich habe mich verlesen: Es handelt sich natürlich um eine „Pilotfolge“. 

Worum geht es denn eigentlich? Zitat RTL: 

In “Jenke – Ich bleibe über Nacht!“ besucht der RTL-Reporter außergewöhnliche Menschen in ihrem privaten Umfeld. Jenkes Ziel ist es dabei stets auch “über Nacht” zu bleiben. In der Pilotfolge klopft er bei dem umstrittenen Internet-Unternehmer Kim Dotcom an, der in Neuseeland mit Familie ein 30-Millionen-Anwesen bewohnt.

Ah, ja. Soll keiner sagen, hier sei das Ziel nicht klar definiert gewesen. Das klingt ja geradezu innovativ: Das Pendant zum investigativen Journalismus der Öffentlich-Rechtlichen oder auch von Spiegel TV ist also der Übernachtungsjournalismus.

Zeitsprung: 70 Minuten später.

Wahnsinn, war das spannend! Diese Dramaturgie!

Zwei Werbepausen, zwei Kliff-Hänger vom Feinsten: Wird Jenke es schaffen, über Nacht zu bleiben? Muss Jenke – mit Klamotten – in den 10 Grad kalten „Schwimmingpuhl“, falls er beim Pokern verliert? Die Antwort: Zweimal ja.

Das war ganz großer Journalismus. Themen, die die Menschen bewegen, hellsichtige Aufklärung dunkler Hintergründe, schöne Frauen, süße Kinder, grüne Wiesen. Emotionen – auch beim Reporter! –, und überhaupt: dessen „Blick hinter die Fassade“ und der daraus sich ergebende Erkenntnisgewinn. Danke, RTL!

Jetzt war Jenke von Soundso also tatsächlich im Bett mit von Kim Schmitz aka KIM.COM und die Matratze hat 80.000 gekostet. Die Währung wurde, glaube ich, nicht genannt; egal: Achtzigtausend! Wow! Wer sowas besitzt, der muss wirklich ein „außergewöhnlicher Mensch“ sein; diesen Anspruch kann RTL also schon mal einlösen.

Und 80.000 (echt!), das ist ja immer noch günstig im Vergleich zur Monatsmiete von rund 100.000 (Jenke: „Quatsch?!“) für die 30 Millionen-Villa (Dreissig Millionen! Irre!). Die durfte der total unschuldige (also, zumindest gefühlt, weil: Über juristisch Ungeklärtes wollen wir uns ja kein Urteil bilden), aber dennoch unter „Landarrest“ (kein Witz) stehende „Internet-Unternehmer“ jetzt nicht so direkt sagen, da sein Vermögen von rund 100 Millionen nach wie vor eingefroren ist.

Kim gilt in Deutschland nicht einmal als vorbestraft

Da sind natürlich ein paar Sachen nicht ganz glücklich gelaufen in der Vergangenheit. Also die Sache mit dem Schufa-Konto von Helmut Kohl, die 196 Punkte in Flensburg und der mehrfache Führerscheinverlust, die Kopierschutzknackerei, der Insiderhandel, für den Kim 20 Monate auf Bewährung bekam. Aber, hey: Das ist verjährt. Aktuell gilt Kim in Deutschland nicht einmal als vorbestraft.

Dass ausgerechnet das FBI jetzt so einen Aufriss macht wegen „angeblicher Urheberrechtsverletzungen“, damit hatte Kim Schmitz nicht gerechnet. Weil Jenke aber nun mal Reporter ist, will er „hinter die Fassade sehen“. Als Kim bekennt, dass einige der User seine Plattform MegaUpload benutzt haben, um dort illegal Daten zu tauschen, fragt Jenke entsprechend forsch nach: “Das ist illegal?” Kim antwortet, ja, das sei es. Aber da könne er ja nunmal nix dafür. Und überhaupt sei sein Fall ein „politischer Fall“ – und er sei ein „Internet-Freiheitskämpfer“. Jenke will dem jetzt nicht widersprechen, denn er will sich ja über die Vorwürfe der Ankläger („angeblicher Schaden von 500 Millionen US-Dollar“) und überhaupt über Juristisches keine Meinung machen. Die Opfer der Schäden kommen im Film nicht vor, würden aber auch nur stören, denn hier geht es ja um außergewöhnliche Menschen in teuren Villen.

Nun sitzt dieser zugegebenermaßen außergewöhnliche Mensch erstmal bis auf Weiteres auf dem Trockenen. Und das ist blöd, denn so musste Kim sein neues Unternehmen MEGA, das genau das macht, was sein Altes auch gemacht hat, nur in noch fieser, auf Pump gründen. (heise.de zufolge ist Schmitz bei MEGA bereits im September 2013 ausgeschieden; das wurde in der Reportage allerdings nicht thematisiert.)

Schläfer Reporter Jenke zeigt sich jedenfalls zusehends verständnisvoll und muss zudem bekennen: „Vieles von dem, was man ihm [Kim] vorwirft, verstehe ich nur zur Hälfte.“ Klar, so Jenke weiter, mache Geld nicht glücklich. Aber so verdammt unfassbar viel Geld, dass man „seinen Traum leben“ kann, das sei ja doch wohl irgendwie „befreiend“. Er sei sich zwar nicht ganz sicher, ob KS wirklich selbst von seiner Unschuld überzeugt sei, aber über Juristisches wolle er sich (er sagt das tatsächlich mehrfach) kein Urteil bilden.

RTL zeigt Kim Schmitz in seiner privaten Umgebung und fragt: Krimineller oder genialer Computerfreak? Foto: Screenshot

Zur Klarstellung: Bild Rechts Kim “Dotcom” Schmitz; Bild Links zeigt nicht RTL-Reporter-Urgestein Jenke Foto: Screenshot

Logisch, denn immerhin will Jenke ja nicht nur in Kims Bett, sondern auch noch mit ihm frühstücken (um 11 Uhr), Ego Shooter zocken, Essen gehen, Karaoke singen, pokern. Und (ja, auch das sagt er mehrfach) er will bei Kim „hinter die Fassade sehen“. Da wird es dann regelrecht investigativ: Jenke so: „Warum Neuseeland?“ Kim darauf: „Neuseeland is’ ja’n schönes Land, ne?“ Sehr gut, so kommt man dem Menschen KIM.COM doch schon etwas näher.

Was man sonst noch erfährt: Kim hat eine Frau, die hat große Ohren. Er hat mit ihr fünf Kinder und glaubt nicht, dass sie ihn nur seines Geldes wegen liebt. Sie bleibt ganz am Boden und sagt, ihre Kinder sollten ganz genau so aufwachsen wie sie. Das bringt dann den Reporter tatsächlich mal zum Staunen: Wie das denn wohl auf einem 30 Millionen Anwesen (30 Millionen, wow!) möglich sein solle. Weiter: Kim hatte eine schwere Kindheit (was man ihm zugestehen muss, was aber in diesem erbärmlichen Stück Fernsehen genau so abgeschmackt verkauft wird wie die fünf Wohnzimmer der 30 Millionen-Villa – 30 Millionen!). Kim glaubt, er muss „schneller leben“, weil er nicht alt werden wird – und aus diesem Grunde hat er sich für „ein Leben mit Genuss“ entschieden.

Es sind Momente wie diese, die die ganze Armseligkeit dieses Machwerks offenbaren. In einem anderen Kontext könnte eine solche Äußerung von berührender Ambivalenz sein, in einer echten Reportage wäre es lohnend gewesen, an Kim dranzubleiben, um etwa zu verstehen, wie dieser Mensch eine Spur der Verheerung in seinem Leben hinterlassen konnte, ohne das geringste Schuldbewusstsein für die Opfer und Betroffenen seines Handelns zu entwickeln.

Ob man bei den Opfern eher an die zahlreichen verprellten ehemaligen Weggefährten aus Hackerzeiten denkt oder an die Unmengen von Urhebern und Interpreten, denen durch genau die Art der Piraterie, der MegaUpload Vorschub leistete, die Existenzgrundlage geraubt wurde – und weiterhin wird – das tut wenig zur Sache.

Dass Kims Rolle unter juristischen Maßstäben möglicherweise anders einzuschätzen ist als unter ethischen, das versteht sich von selbst. Dass es insofern im Kern zunächst um die Frage der moralischen Verantwortung für das Handeln eines größenwahnsinnigen Egomanen gehen müsste, das hat diese Reportage nicht einmal anzudeuten verstanden. Stattdessen entlässt uns Jenke mit dem Fazit, sein Bild von Kim sei nach diesem Tag „komplexer“ geworden: Dieser sei emotional, intelligent, reflektiert – und deutlich sympathischer als angenommen. Als ob Intelligenz und Sympathie jemals in irgendeiner sinnvollen Korrelation zu Schuld und Verantwortung gestanden hätten. Scheißegal. Jenke: “Eine feuchte, aber auch fröhliche Zeit.”

Ein 70minütiger Promofilm für Kim ”Mein Ego ist so groß wie unser Sonnensystem” Schmitz. 70 Minuten haltungslose Promi-Sedierung für den Rest der Menschheit. 70 Minuten Fortschritt auf dem Weg zur Auflösung jedes journalistischen Restanspruchs.

Mehr zum Thema? Hier geht es zur Glosse und unserem Live-Blog.

 

 

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