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Fact checking: Kim Dotcom & Jenke von Wilmsdorff: „Ich bleibe über Nacht“

Moderator Jenke trifft auf Kim Dotcom in Neuseeland - ein Rührstück? Foto: Screenshot

Moderator Jenke trifft auf Kim Dotcom in Neuseeland.  Foto: Screenshot

Letztes Wochenende gab RTL dem MegaUpload Gründer Kim Dotcom im Rahmen des neuen Sendeformats „Jenke – Ich bleibe über Nacht“ genug Raum zur kreativen Selbstdarstellung. Piraterie-Experte und Ex-Gulli-Chefredaktuer Lars Sobiraj wundert sich über die vorbehaltlos geglaubte Selbstdarstellung des „genialen Hackers“ (O-Ton RTL) Kim Dotcom.

Kaum war die Sendung ausgestrahlt, sprangen T-Online, der Express und Focus bereitwillig auf den medialen Zug auf. Die “Internet-Legende” behauptete nämlich in der RTL-Sendung, er habe einst die Kommunikation der Regierung belauscht und den Schufa-Eintrag von Helmut Kohl gehackt, um dessen Kreditwürdigkeit herabzusetzen. Das war clever, weil diese Behauptung nach so vielen Jahren kaum überprüfbar ist. Andere Behauptungen von Dotcom sind es jedoch durchaus.

Goldener Käfig im Paradies?

Die Sendereihe begann in bester Hollywood-Manier mit der akustischen Untermalung eines Matrix-Soundtracks. Und genau wie bei Matrix fiel der RTL-Reporter Jenke von Wilmsdorff auf eine glitzernde Scheinwelt herein. Er flog nach Neuseeland, in die weitläufige Villa des  Internetunternehmers Kim „Dotcom“ Schmitz. Dort warteten nicht etwa Agenten, sondern ein Paradies auf den Reporter Jenke, der bei RTL vor allem durch Selbsterfahrungstrips Aufmerksamkeit erregt hatte. So hatte er beim “Jenke Experiment” vier Wochen lang ein Promille Alkohol intus, schlüpfte in Frauenkleider, alterte um 30 Jahre oder bettelte auf der Straße. Der Untertitel “Macht der das wirklich?” hätte auch zum neuen Serien-Format gepasst. Dabei stellte der Höhepunkt aber keine simulierte Geburt oder einen Alkoholexzess dar. Nein, alles wurde künstlich auf die Fragestellung abgestimmt, ob er in der Villa des norddeutschen Internet-Unternehmers übernachten dürfe.

Kim_Dotcom_graffiti

Kim Dotcom Graffitti im “Abode Of Chaos” Ausstellung des Museum Of Contemporary Arts, Photo under Creative Commons : CC-By-2.0

Natürlich durfte er dort nächtigen, wenn auch nur im Gästehaus. Die Zeche für die luxuriöse Unterkunft zahlte allerdings der Zuschauer, der der Selbstdarstellung des mehrfach verurteilten MegaUpload Gründers nahezu schutzlos ausgeliefert schien. RTL-Reporter Jenke versuchte nicht mal journalistische Distanz oder Recherchekompetenz zu simulieren, sondern entschied sich, den Behauptungen von Schmitz’ unkritisch zu unterliegen. Dabei ist gerade Schmitz Tendenz zur hemmungslosen Selbstdarstellung nicht wirklich unbekannt. Der vorbestrafte Entrepeneur ließ sich in der Vergangenheit gerne und oft mit Statussymbolen wie Helikopter, Yacht oder Luxuslimousine ablichten.

Viele Jugendsünden blieben unerwähnt

Wurde anfangs noch ansatzweise  darauf hingewiesen, dass gegen Dotcom ein Auslieferungsverfahren der amerikanischen Justizbehörden vorliegt, so stellte von Wilmsdorff später lapidar fest, moralische Fragestellungen überlasse er lieber den Juristen. Ihm ging es nur um „den Menschen hinter der Fassade“. Doch um herauszubekommen, wer Dotcom ist, dafür hat er leider nur Mindestmaß an Recherche unternommen.

Wer ist dieser Dotcom eigentlich?

Früher habe er in Deutschland alle großen Unternehmen beraten, die er zuvor angeblich gehackt hatte. So auch die Börse, die Deutsche Telekom, ehemals Daimler Benz und so weiter. Gut informierte Kreise aus dem CCC Umfeld behaupten jedoch, dass nicht Schmitz selbst die Hacks vorgenommen oder Sicherheitslücken gefunden hätte, sondern nur die Funde anderer Hacker geschickt zu Geld gemacht hatte. Mit der technischen Expertise des „genialen Hackers“ (O-Ton RTL-Trailer) soll es nicht so weit her gewesen sein. Im zarten Alter von zwölf Jahren gab er vor, den Kopierschutz von Computerspielen entfernt zu haben. „Als die coolsten Kinder galten halt die, die über die meisten Spiele verfügten.“ Und da er angeblich von vielen Originalen seiner Freunde den Kopierschutz entfernte, war Kim das coolste Kind weit und breit. Das Cracken sei ja „so einfach“, behauptete er. In Wahrheit kaufte er sich anfangs als Bezahl-Mitglied in die Szene, respektive bei der bis heute aktiven Releaser-Gruppe Skid Row ein (Anmerkung der Redaktion: eine Releasergruppe „crackt“ kollektiv neue Softwareprodukte und veröffentlicht sie dann als erstes in Piratenkreisen).

In den 90er Jahren schenkte Dotcom Top-Uploadern seiner illegalen Mailbox “House of Coolness BBS” illegale Mobilfunk-Guthabenkarten, „Calling Cards“, damit sein House länger cool blieb. Frische „Warez“ (Piraterieslang für Inhalte) gegen Bezahlung blieb auch später seine Devise.

Kritische Distanz? Fehlanzeige!

Jenke von Wilmsdorff kam immerhin zu dem Schluß, dass Dotcom intelligent genug sei, sich die Wahrheit so zurechtzulegen, wie er sie gerade braucht. Knapp eine Minute von den zirka 70 Minuten Sendezeit geht es dann doch noch um seine eigentliche Vergangenheit als Internet-Unternehmer, insbesondere um die Vergangenheit bei MegaUpload. Schnell wird hier die Verantwortung von Dotcom auf Dritte geschoben: “Die versuchen mich (dafür) verantwortlich zu machen, was unsere User auf unserer Webseite gemacht haben.” Dabei verschwieg Schmitz, dass er Uploader besonders beliebter Piraterie-Archive bezahlt hat. „Ihr liefert populären Inhalt, wir den Downloadservice. Tun wir uns zusammen!“, verkündete Dotcoms Filehoster Megaupload im Jahr 2005 zum Start seines erfolgreichen Bonusprogramms.

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Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Das FBI sieht Schmitz’ Aktivitäten in etwas kritischerem Licht als RTL: Das Sperrbanner nach der Schließung von Megaupload.

Laut Dotcom seien bei der Google-Tochter YouTube auch alle Filme verfügbar, wenn man nur lange genug danach sucht – eine Aussage, die zumindest auf aktuelle Kinofilme nicht zutrifft. Die Amerikaner hätten ihn als Ziel ausgesucht, um die Anklage medienwirksam auszuschlachten. Dass YouTube wiederum keine derartigen Bonusprogramme anbietet und nebenbei recht viel im Kampf gegen Urheberrechtsverletzungen unternimmt , bleibt hingegen unerwähnt. “Es darf nicht sein, dass YouTube noch existiert, aber MegaVideo nicht”, sagt Dotcom wörtlich in der Sendung.

Darüber hinaus wird ihm noch die Bildung einer kriminellen Vereinigung sowie Geldwäsche in Tateinheit mit Steuerhinterziehung vorgeworfen. Dotcoms Anwälte hätten ihm mitgeteilt, das Begehren ihn an die USA auszuliefern sei rein politischer Natur, deswegen würde er diesen Kampf gewinnen. Dotcom bezeichnet sich nicht zum ersten Mal als Internet-Freiheitskämpfer. Dabei hat er für die Redefreiheit anderer weniger Toleranz, und klagt auch mal gerne mit dem ihn zur Verfügung stehenden Mitteln einen Blog in Grund und Boden.

Verbrannte Erde in Deutschland zurückgelassen

In den 5.000 Quadratmetern seiner Villa heroische Selbstportraits auszustellen, das sei für Promis ganz normal, findet Kim. Er müsse anhand der Aufnahmen sein “tolles Leben dokumentieren”. Über ein schwaches Selbstwertgefühl habe er nie verfügt, im Gegenteil. „Mein Ego so groß wie unser Sonnensystem. Da bringt mich nichts runter. Ich weiß, ich habe nichts falsch gemacht.“ Nach Deutschland möchte er trotzdem nicht zurück. Der deutsche Staat habe schließlich dafür gesorgt, dass er in Bangkok trotz seiner „besten Intentions“ festgenommen und inhaftiert wurde. Dort habe er wegen der Vorwürfe des Insider-Handels inhaftiert mit dutzenden Mithäftlingen in einer Zelle auskommen und aus Eimern essen müssen, die ihn an Schweinetröge erinnerten. Gut informierte Kreise vermuten jedoch noch einen anderes Grund für Dotcoms Deutschlandflucht: Aufgrund der verbrannten Erde, die er dort hinterlassen hat, könne sich Schmitz kaum mehr in der Bundesrepublik blicken lassen.

MegaUpload-Bust veränderte die Filehoster-Branche nachhaltig

Die bereits erwähnte Zahlung hoher Summen an MegaUpload-Uploader könnte für Dotcom letztlich juristisch zum Verhängnis werden. Insgesamt sollen Millionen Dollar an die Beschaffer besonders populärer Warez gezahlt worden sein. Seine Kläger interpretieren  dies als bandenmäßige, systematische Anstiftung zu unzähligen Urheberrechtsverletzungen.

Das unterscheidet MegaUpload auch vom ehemaligen schweizer Marktführer Rapidshare. Nachdem dieser sein Bonusprogramm für Uploader ausgesetzt hatte, setzte für Rapidshare eine starke ökonomische Talfahrt ein, der Schweizer Dienst musste einen großen Teil seiner Belegschaft entlassen. Trotzdem verunsicherte der „Bust“ die Filehosterszene ausdrücklich, weswegen viele Mitbewerber ihre Bonusprogramme kurz nach dem Aus von MegaUpload aus dem Programm nahmen. Die Konkurrenz in aller Welt bekam nach den überraschenden Verhaftungen Bedenken, ob sie wohlmöglich zum nächsten Ziel des FBI werden könnten. Auf zivilrechtliche Auseinandersetzungen war man vorbereitet, aber strafrechtliche Konsequenzen, wie Festnahmen oder eine drohende Gefängnisstrafe, wollten viele Filehoster-Betreiber dann doch nicht auf sich nehmen.

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Vom Raubkopiererer zum Internetfreiheitskämpfer? Bei Kim Schmitz Geschäftsmodellen ging es häufig um den Zugriff auf die Güter anderer.

RTL schloss den Beitrag mit den Worten ab, Dotcom verfüge über „viele Talente“. Zumindest seine Fähigkeit sich PR-trächtig zu verkaufen, durfte er dort vorführen: mit Tränen in den Augen behauptete er, ihm ginge es primär darum, seinen fünf Kindern eine bessere Welt zu bieten. Sie sollen es besser haben als er, der als Sohn eines alkohlkranken Vaters in Norddeutschland aufgewachsen ist.

Jenke von Wilmsdorff will dazu selbst keine Stellung beziehen. Sein Bild von diesem Menschen habe sich durch seinen Besuch gewandelt. Kim Dotcom sei nicht nur laut, sondern auch sehr gefühlvoll. Was man ihm vorwirft, könnten nur Juristen klären. Dass neben ein paar unbeteiligten Neuseeländern durchaus auch Kläger oder Geschädigte von Dotcoms Aktivitäten mal zu Wort hätte kommen müssen, soviel journalistischen Ehrgeiz besaß der Reporter nicht. Wie weit jedoch die letztwöchige Inszenierung eines mutmaßlichen Straftäters von der Realität abweicht, das haben andere Medien schon lange vorher zusammengetragen. Insofern muss diese einseitige Verzerrung wohl als erneuter journalistischer Tiefpunkt von RTL-Reportagen gelten.

Fazit

Für den privaten Fernsehsender war das letztwöchige Vorabendprogramm eine klassische Win-win-Situation. Kim Schmitz ist so populär wie umstritten. Wenn es gelingen sollte, den früheren „Extra“-Reporter jenseits von Flüchtlingsschiffen, Frauenkleidern, Geburtswehen oder Alkoholexzessen bekannt zu machen, dann mit einem Promi wie Kim Dotcom. Aufgrund des enormen Umfangs und dem Wunsch nach Aufmerksamkeit waren zumindest keine Probleme zu erwarten, dass der Protagonist freiwillig den Fokus der Kamera verlassen würde. Und doch: es hätte noch viel schlimmer kommen können. Denn trotz des zu erwartenden fehlenden Tiefgangs und mangelnder Recherchemüdigkeit konnte der norddeutsche MEGA-Gründer aus der Sendung keine reine Werbeveranstaltung in eigener Sache machen. Diesen Monat könnte sich herausstellen, ob ihn sein „way“ nicht doch noch in die USA führen wird, denn es soll im November über seine Auslieferung entschieden werden. Wenn ja, kommen auf den mit Bewährung vorbestraften Vater von fünf Kindern doch noch rund 20 Jahre Freiheitsentzug zu.

Wer die wenigen Höhen und vielen Tiefen der Jenke-Reportage nochmals im Detail miterleben möchte, dem möchten wir unseren Live-Blog zur Sendung wärmstens ans Herz legen.

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