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BVMI-Kulturkongress gewinnt an Format – Musikindustrie verabschiedet sich von Warnmodellen

Es war das zweite Mal, dass der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) am Vortag zum ebenfalls von ihm veranstalteten ECHO eine halbtägige Kulturkonferenz abhält. Diese bildete ein interessante Mischung aus Panels, Workshops und Keynotes zum übergeordneten Thema Musikwirtschaft im Spannungsfeld zwischen Kunst und Kultur.

Vor ungefähr 250 Teilnehmern wurde im Veranstaltungszentrum Kalkscheune in Berlin einen Tag über Musik, Business, Kultur und Politik diskutiert – und teilweise auch gestritten. Das Setting war nicht zu groß, insgesamt kam die Veranstaltung auf acht Programmpunkte und zwei Keynotes. Eine davon hielt der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes der Musikindustrie (BVMI), Dieter Gorny, zur Eröffnung. Die zweite  Keynote von Phillip Ginthör , dem Geschäftsführer von Sony Music Deutschland, der nur wenige Tage vorher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein kontroverses Interview zur Problematik GEMA / YouTube gegeben hatte, wurde ebenfalls mit Spannung erwartet.

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Keynotespeaker Gorny: “Wir brauchen eine digitale Ökonomie, die Inhalte und Technologie als zwei sich gegenseitig befruchtende Seiten einer Medaille begreift.” Foto: BVMI / Monique Wüstenhagen

 

Gorny eröffnete die Konferenz mit einer durchaus reflektierten und intelligenten Analyse zur Lage der Kreativwirtschaft im „digitalen Raum“. Er spannte einen Bogen nicht nur vom Thema Urheberrecht über Jugendmedienschutz bis hin zum Datenschutz. Der digitale Raum reguliere sich nicht von selbst, das habe spätestens die Snowden-Debatte und die NSA-Spähaffäre gezeigt. Die Politik habe diesen Auftrag jedoch noch nicht vollständig angenommen. Diese Herausforderungen müssten  „ganzheitlich diskutiert werden“. Benötigt werde „eine digitale Ökonomie, die Inhalte und Technologie als zwei sich gegenseitig befruchtende Seiten einer Medaille begreift“.

Europäische Wirtschaftspolitik begehe jedoch den Fehler, eine einseitige technologische Industriepolitik zu gestalten, sagte Gorny, und verwies hierbei kritisch auf einen Text der EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, Neelie Kroes. Die Inhalteseite  fiele bei ihrer Sichtweite aus dem Fokus, die Rahmenbedingungen für Kultur und Kreativwirtschaft  seien deswegen weiterhin suboptimal. Dabei werde die Kreativwirtschaft im Koalitionsvertrag noch als eine der sieben Schlüsselbranchen zur wirtschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik bezeichnet.

Die Musikwirtschaft sah Gorny mittlerweile auf einem guten Kurs: Sie habe eine „fünfzehn Jahre dauernde risikoreiche Diversifizierung“ hinter sich, die nun „wirtschaftliche Früchte abwerfe“. Viele Arten Musik zu konsumieren stünden momentan nebeneinander, der Kunde habe mittlerweile eine flexible Auswahl aus Diensten und Darreichnungsformen aus der er wählen könne. Im Gegensatz zur Klassifizierung in der Netzgemeinde, die Gorny als erzkonservativen Lobbyingexperten skizzieren, zeigte sich Gorny analytisch durchaus auf der Höhe Zeit, zumal seine Thesen auch die nachfolgende Paneldiskussion beeinflussten.

Die komplette Keynote im Wortlaut als .pdf liegt hier.

Die zweite Keynote von Sony-Chef Phillip Ginthör, ein für diese Position überraschend junger Jurist mit leichtem österreichischem Akzept, präzisierte die Leistungen und geänderten Spielregeln beim Handel und Verkauf von Musik. Die Branche habe sich in den letzten Jahren fundamental gewandelt, es ginge schon längst nicht mehr darum, nur CDs und Vinyl von A nach B zu verfrachten. Das Business habe sich stattdessen in ein komplexes Transaktions- und Reichweitenbusiness verändert. Man müsse weiterhin Musik schaffen, die vor allem die Aufmerksamkeit des Kunden verdiene, die Distributionswege seien hierbei zweitrangig.

 „Es geht um Aufmerksamkeit, um Klicks, um Downloads und um Streams. Es geht um das Kommunizieren und Verfügbarmachen unserer Inhalte und das Erreichen der Musikfans auf allen Kanälen und Plattformen.“ (Phillip Ginthör)

Ginthör sieht die Musikindustrie als „Role Model“ für andere Kreativwirtschaftsbereiche. In einem schwierigen Umfeld habe sich nicht nur der Deutsche Markt behaupten können, auch Sony sei überproportional gewachsen – vor allem im digitalen Bereich.

Kulturkonferenz 2014

Nimmt die digitale Herausforderung an: Phillip Ginthör, CEO von Sony Music Deutschland.
Foto: BVMI / Monique Wüstenhagen

Trotz der schwierigen Marktsituation sei Musik immer noch Treiber, Katalysator und Brandbeschleuniger für Kommunikation, Marken und auch digitales Business: Sieben der zehn populärsten Twitterkanäle seien Musikerkanäle, neun der zehn populärsten YouTube Videoclips seien Musikclips. Gerade weil hier massiv von Seiten der Musikindustrie investiert werde – Ginthoer nannte Zahlen von weltweit 4,5 Milliarden Euro Investitionen in Künstler, 26 Prozent des gesamten Branchenumsatzes – habe man durchaus Anrecht auf einen substantiellen Teil der Anzeigenerlöse von Plattformen.  Mit der Feststellung, dass sich hierzu aber auch GEMA und YOUTUBE endlich auf einen Deal einigen müssen, blieb Ginthör leider ein Stück weit hinter seinen couragierten Aussagen in der FAZ zurück. Aber auch er mahnte faire Rahmenbedingungen an, einen fairen Anteil sowohl für Musiker und Urheber, als auch für die Kreativwirtschaft selbst, damit sie weiterhin in Talente investieren könne.

“9 der 10 meistgesehen Videos auf YouTube sind Musikvideos. (…) Deswegen wollen wir einen “Fair Share” der Werbe- und Abonnementerlöse für unsere Künstler und unsere Labels.”
(Phillip Ginthör)

Neben einer angemessenen Vergütung, müssten die Plattformen aber auch Verantwortung für ihre Inhalte tragen, insbesondere die Verantwortlichkeit der Hostprovider müsse überprüft und justiert werden.  Und das Urheberrecht müsse an das digitale Zeitalter angepasst werden. Wiederum eine Aufgabe, bei der der Gesetzgeber in der Pflicht stehe.

Die komplette Rede im Wortlaut findet ihr hier.

Die darauffolgende Diskussionsveranstaltung, an der neben Ginthör der Marktforscher Prof. Dr. Klaus Goldhammer (Goldmedia), RTL Cheflobbyist Dr. Tobias Schmid und der kreativwirtschaftsnahe Bundestagsabgeordnete Ansgar Heveling teilnahmen, war von überaschend hohem Niveau, was nicht zuletzt auch an der kompetenten Moderation des Wirtschaftswoche-Chefredakteurs Roland Tichy lag: Sein Sohn hätte ihn gefragt, warum er „zu den Bösen gehe“ und sprach augenzwinkernd damit die Abmahnproblematik an: „Sind sie ein Böser, Herr Ginthör?“  fragte er augenzwinkernd. Nur wollte der Sony-Chef weder über Abmahnungen, noch über Warnmodelle sprechen, wie einige seine Majorkollegen in den vergangenen Jahren. Die mehrfach wiederholte Forderung nach einer Miteinbeziehung der Portale auf Hostproviderhaftung scheint dem Sony-Chef vielversprechender, zusätzlich zu einer Eindämmung der sich darum gruppierenden Werbemärkte im Graubereich. Hier schienen sich die Konferenzteilnehmer weitgehend einig.

Wie diese Providerhaftung genau aussehen sollte wurde jedoch auch auf Nachfrage aus dem Publikum nicht genauer umrissen. Der Rest der Diskussion drehte sich um die wichtigen volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Kreativwirtschaft, sowie darum, welche Rolle die Politik in Märkten bei den mehrmals geforderten fairen Rahmenbedingungen spielt.

Der schlagfertige RTL-Lobbyist Tobias Schmid setzte hier durchaus Glanzpunkte: „Ohne Arme – keine Kekse“: In Märkten, in denen das Eigentumsrecht eingeschränkt sei – und dass sei es beim Urheberrecht durch mangelnde Durchsetzbarkeit momentan der Fall – greife der Marktmechanismus nicht. Im Gegenteil: Funktionierende Märkte entstünden erst durch Eigentum und dem Handel damit. In einer Wirtschaftsgesellschaft sei die Gestaltung eben dieser Rahmenbedingungen ureigene Aufgabe der Politik. Um das Business Developement kümmere man sich als Kreativwirtschaft schon selbst und sei dort auch auf einem guten Weg.

Tiefgehende Diskussion kombiniert mit süffisanter Moderation: BVMI-Panel mit Teilnehmern (v. l.) Martin Goldhammer, Dr. Tobias Schmid, Moderator Roland Tichy (Musikwoche), Phillip Ginthör, Ansgar Heveling, Foto: BVMI/Monique Wüstenhagen

Tiefgehende Diskussion kombiniert mit süffisanter Moderation: BVMI-Panel mit Teilnehmern (v. l.) Martin Goldhammer, Dr. Tobias Schmid, Moderator Roland Tichy (Musikwoche), Phillip Ginthör, Ansgar Heveling, Foto: BVMI/Monique Wüstenhagen

CDU-Abgeordneter Angar Heveling räumte ein, dass es zu den Aufgaben der Politik gehöre, hier ein „Level Playing Field“, ein Spielfeld, welches den Teilnehmern gleiche Voraussetzungen biete, zu generieren. Das Urheberrecht und der Schutz desselben nähmen im Koalitionsvertrag einen sehr großen Raum ein. Auf Nachfrage musste Heveling jedoch auch eingestehen, dass die Verantwortung zur Ausgestaltung der Rahmenbedingungen im digitalen Raum in der Bundesregierung auf viele verschiedene Schultern verteilt sei. Von Justiz-, Wirtschafts-, Innen- bis zum Verkehrsministerium reichten die mit Netzpolitik betrauten Stellen.  Und es gäbe natürlich auch die europäische Ebene auf der die Urheberrechtsnovelle in der kommenden Legislatur angegangen würde.

Dass diese Stellen alle synchronisiert an einem Strang ziehen werden, das bezweifelte Rechtsanwalt Ole Jany, der aus dem Publikum einwarf, dass mindestens ein Staatssekretär im  Bundesjustizministerium das Urheberrecht gerne in ein Verbraucherschutzrecht umgestalten würde. Es gilt also, mehr Politiker zu überzeugen als nur den anwesenden Bundestagsabgeordneten Ansgar Heveling.

Insgesamt war dies eine erhellende, anspruchsvolle  und pointierte Diskussion, der lediglich ein wirklicher Antagonist fehlte. Dabei saßen gleich mehrere Verantwortliche von YouTube nur wenige Meter entfernt im Publikum…

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