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So bringen Festivals ihre Besucher dazu, verantwortungsvoll zu handeln

Die Besucher eines Festivals wollen sich wenigstens für das Wochenende frei fühlen. Trotzdem müssen sie Regeln beachten. Das ist eine Gradwanderung für die Veranstalter. Foto: Esther Mai

Die Besucher eines Festivals wollen sich wenigstens für das Wochenende frei fühlen. Trotzdem müssen sie Regeln beachten. Das ist eine Gradwanderung für die Veranstalter. Foto: Esther Mai

Wir alle kennen das Bild: Müllberge nach den Festivals oder gar zerstörte oder niedergebrannte Camps nach dem Festival. Oftmals hinterlassen Besucher eine wahre Spur der Verwüstung nach einem großen Event, auf dem auch Zeltplätze angeboten werden. Das ganze Jahr über beschäftigen sich Verantwortliche damit, wie sie das Müll-Problem, aber auch die Gewalt, die manchmal von einigen, wenigen Besuchern ausgeht, eindämmen können. Dabei müssen sie vorsichtig vorgehen, denn gerade Festivals leben davon, dass die Besucher aus dem Alltag ausbrechen können, wenigstens für dieses eine Wochenende/diese eine Woche im Jahr. Sie sollen sich frei fühlen, in ihrem Handeln nicht eingeschränkt werden. Und dennoch sollen sie sich ordentlich benehmen. Eine Gradwanderung.

Holger-Jan Schmidt von der Go Green Group gibt Tipps, wie Veranstalter vorgehen können, um Festivals grüner und ruhiger zu machen. Foto: privat

Holger-Jan Schmidt, Veranstalter der Green Events Europe Conference, gibt Tipps, wie Veranstalter vorgehen können, um Festivals grüner und ruhiger zu machen. Foto: privat

„Die Besucher sollen das Event als schön in Erinnerung behalten, aber genauso auch als ein friedliches, sicheres und grünes Event“, sagt Holger Jan Schmidt, Veranstalter der Green Eevents Conference in Bonn. Dort und auch später auf der Eurosonic Noorderslag beriet er sich mit Experten zu dem Thema. Fakt ist: Wie die Besucher Informationen erhalten, kann sie nachhaltig beeinflussen.

Neue Regeln für ein etabliertes Festival einzuführen ist sehr schwierig

Für ein Festival, das bereits seit 15 Jahren besteht, neue Regeln einzuführen, ist sehr schwierig. Einfacher ist es, auf einem neuen Festival die gewünschten Regeln sofort zu implementieren. Bei bestehenden Festivals müssen die Änderungen langsamer passieren, damit sich die Gäste daran gewöhnen können. Das sagt Marten Pauls von der Hamburger Firma campo – event engineering, die bei Rock am Ring und Rock’n’Heim mitarbeitet.

Doch wie schafft man es, mal von den oben bereits genannten Änderungen abgesehen, dass sich die Besucher besser und auch umweltverträglicher verhalten? Die Wissenschaftler, die sich mit dem Verhalten von Menschenmengen beschäftigen, sind sich auf jeden Fall darüber einig, dass sich Menschen sich in einer sauberen Umgebung auch besser verhalten. Wenn Veranstalter beispielsweise dafür sorgen, dass die Duschen, Toiletten und auch das Gelände sauber bleiben (zum Beispiel ständig den Müll aufsammeln) dann ist die Hemmschwelle, etwas dreckig zu machen, Müll einfach wegzuwerfen, deutlich höher.

Auf dem Fusion-Festival gibt es schon lange Konzepte, wie das Festival sauber gehalten werden kann.

Auf dem Fusion-Festival gibt es schon lange Konzepte, wie das Festival sauber gehalten werden kann.

Auf dem Festivalgelände sollte es auf jeden Fall ein Pfandsystem für Becher geben, auf dem Campingplatz sollte es ein Müllpfand-System geben und es sollten Green- und Ruhe-Camps eingerichtet werden, die von Jahr zu Jahr ausgeweitet werden können. Festivals können mit der Bahn zusammenarbeiten und spezielle Angebote für die Besucher erstellen, damit sie den Wagen daheim lassen. Außerdem sollten auf der Webseite Mitfahrzentralen und Carsharing-Systeme verlinkt werden. All das kann schon einmal dazu beitragen, dass die Umwelt und die Nerven der anderen Besucher geschont werden.

Doch nicht immer läuft bei den Veränderungen, die gemacht werden, alles reibungslos. So gab es bei der Etablierung von Green Camps bei Rock am Ring Probleme: wer auf dem Green Camping zeltete, der hatte ein spezielles Wristband und war somit gut erkennbar. Das führte dazu, dass andere Besucher haben die Green Camper geärgert haben oder Wasserbomben auf das Gelände geworfen haben. Die Green-Camp-Besucher fühlten sich unsicher. Lieberberg gab jedoch nicht auf und stampfte die grünen Areale nicht wieder ein. Im Gegenteil: das Gelände wurde vergrößert und somit war auch die Gruppe der Green-Camper größer, die Probleme hörten auf.

20 Prozent der Besucher von Rock’n’Heim entscheiden sich mittlerweile für Green Camping

90.000 Menschen kommen jedes Jahr zu Rock am Ring, 12.500 sind mittlerweile auf dem Green Camping untergebracht. Im vergangenen Jahr haben sich 4000 davon spontan für das Green Camp entschieden. Sprich, rund 15 Prozent der Festivalbesucher haben sich freiwillig dafür entschieden, sich an die Regeln zu halten. Beim neuen Lieberberg-Festival Rock’n’Heim sind es bereits 20 Prozent.

Auf den grünen Camping-Plätzen gibt es keine Security. Und die Besucher sind zufrieden. „Die Besucher sagen, dass es viel angenehmer ist, nicht im Müll oder leeren Dosen zu ertrinken. Sie sagen, dass sie viel entspannter schlafen und dass die Menschen insgesamt viel entspannter sind, die sich für Green Camping entschieden haben”, sagt Marten Pauls.

Morten Therkildsen leitet ehrenamtlich das Sicherheitsteam des Roskilde-Festivals. Foto: privat

Morten Therkildsen leitet ehrenamtlich das Sicherheitsteam des Roskilde-Festivals. Foto: privat

Rund 140.000 Menschen versammeln sich jedes Jahr auf dem Roskilde-Festival. Keine leichte Aufgabe für Sicherheits-Chef Morten Therkildsen, der seit einigen Jahren dafür sorgt, dass sich die Besucher in Roskilde wohl fühlen. „Wir versuchen den Stress-Level für die Besucher so gering wie möglich zu halten. Denn ein Festival, in der Größenordnung von Roskilde zu besuchen, ist für die Festivalgäste sehr stressig, auch wenn sie das vielleicht nicht so empfinden.“ Innerhalb von neun Tagen entsteht eine funktionierende Zeltstadt, die temporär die fünftgrößte Stadt Dänemarks ist.

Doch warum ist es so stressig für die Besucher, in dieser kurzzeitigen Metropole zu leben? „Die Umgebung ist stressig für die Besucher, weil sie für die Zeit ihren Dresscode verändern
und ihre sozialen Aktivitäten, ihre Freizeitgestaltung, ihre Schlaf- und Essensgewohnheiten verändern. Kurzum ihre kompletten Lebensumstände“, sagt Therkildsen. Die Besucher haben weniger Kontrolle über sich und ihr Leben. „Und du hast nur drei Möglichkeiten, damit umzugehen: „Einen Kampf beginnen, weglaufen oder totspielen.“

Das Team des Roskilde-Festivals will den Besuchern dabei helfen, ihr Stress-Level zu minimieren. „Wir animieren die Besucher dazu, auch in dieser außergewöhnlichen Umgebung Sport zu treiben. In unserer Game City können sich die Besucher austoben und auspowern und so für einen Zeitraum ihr inneres Gleichgewicht wiederfinden.“ Power-Napping hilft ebenfalls den Stress-Level zu senken.

Morten Therkildsen: Minimiere den Stress-Level für Deine Besucher!

„Deswegen versuchen wir eine Umgebung anzubieten, in der sie sich entspannen können. Wir haben einen See, neben dem wir unsere Relax-City aufgebaut haben. Dort können die Besucher, wenn sie es wünschen, meditieren, Yoga machen oder in entspannter Atmosphäre Musik hören.“ Außerdem gibt es auf dem Gelände ausreichend Schattenplätze, wo sich die Festival-Gänger aus der Sonne zurückziehen können. Wichtig sei auch, dass sich die Besucher jederzeit selbst mit Wasser versorgen können. Deswegen werden in Roskilde selbst vor den Bühnen während der Konzerte immer wieder Becher mit Trinkwasser an die Zuschauer verteilt, die ihren Platz vor der Bühne nicht aufgeben wollen.

Menschen, die ein Hobby haben und regelmäßig ausüben, haben ebenfalls erwiesenermaßen weniger Stress als hobbylose Mitmenschen. „Also beschäftigen wir unsere Besucher in ihrer Freizeit – und eben nicht nur mit dem Musikprogramm, bei uns kann man 1000 unterschiedliche Dinge tun.“ Ein weiterer Punkt, der den Stress-Level reduziere sei gutes Essen. Deswegen hat Roskilde eine sehr strenge Essens-Politik, wenn es darum geht, was auf dem Festival angeboten werden darf und was nicht. “So muss die Qualität des Essens stimmen, die Auswahl muss vielfältig sein und das Essen soll nicht nur satt machen, sondern auch ein Erlebnis für die Sinne sein.” Wichtig ist auch, dass die Mahlzeiten gesund sind. Deswegen wird auf dem Festival sehr viel Wert auf Bio-Produkte gelegt: “Daher sind Salat, Milchprodukte, Reis und Nudeln und Wein Bioprodukte. Zudem müssen alle Imbissbuden mindestens ein vegetarisches Gericht anbieten.”

Viele suchen ein ruhiges Plätzchen, an dem sie entspannen können

Doch nicht allein die Reduzierung des Stresses sei ein Garant dafür, dass es auf solch einem Festival ruhig und friedlich bleibe. „Unsere Publikumsstruktur ist sehr unterschiedlich. Und unsere Besucher wollen nicht alle dasselbe und ihre Interessen sind manchmal schwer unter einen Hut zu bringen. Deswegen versuchen wir unterschiedliche Areas anzubieten. 20 Prozent unseres Publikums ist grün/öko. Die meisten davon sind älter und suchen ein ruhiges Plätzchen, an dem sie sich entspannen können und nicht zugemüllt werden. Manche von den Green Campern haben auch ihre Kinder dabei oder sie wollen einfach nicht in dem Müll leben, der auf den normalen Zeltplätzen leider öfter mal liegen bleibt.“

Große Info-Tafeln sorgen in Roskilde immer dafür, dass jeder gut über Regeln oder wichtige Neuigkeiten informiert ist.  Foto: Esther Mai

Große Info-Tafeln sorgen in Roskilde immer dafür, dass jeder gut über Regeln oder wichtige Neuigkeiten informiert ist. Foto: Esther Mai

Wichtig sei auch, dass die Mitarbeiter und Festivalgäste immer bestens informiert seien. Und auch ein klein wenig erzogen werden. „Aber das Allerwichtigste ist nicht, dass man die Kommunikation mit den Besuchern sucht, sondern zuerst einmal zu den Mitarbeitern. Wir haben allein 15.000 Menschen, die dafür zuständig sind, den Müll einzusammeln. Sie sollen mit gutem Beispiel vorrangehen. Und auch auf alle Fragen eine Antwort parat haben.“

Eine gute Methode, um Besucher zu einem umweltbewussten Verhalten zu erziehen, sei auch die Belohnung. So lägen die Green Camps in einem beliebten Gebiet auf dem Zeltplatz. Des Weiteren vergibt Roskilde einen Preis für das „Camp des Jahres“, das sich besonders in die Gestaltung des Festivals eingebunden hat, aber auch dafür gesorgt hat, dass das Camp sauber gehalten wurde.
Dem Vorschlag, Hausnummern an die Zelte anzubringen, um die Verantwortlichen, die den Zeltplatz vermüllen lassen, zur Rechenschaft ziehen zu können, musste Morten Therkildsen eine Absage erteilen. „Das ist für ein Festival wie Roskilde, auf dem 70.000 Zelte stehen, ein unmögliches Unterfangen.“ Bei besonders verunstalteten Camping-Arealen greifen jedoch die Safety-Manager ein, suchen sich ein Mädchen und einen Jungen aus der Gruppe, schreiben sich ihre Daten auf – sie bleiben für das komplette Festival dafür verantwortlich, dass der Müll weggeräumt wird.

Jedes Jahr gibt es einige Änderungen – zur Sicherheit der Besucher

Für Morten Therklidsen ist das Projekt „Safety“ jedoch jedes Jahr auf einem neuen Prüfstand. Er und seine Mitarbeiter fragen sich kontinuierlich immer wieder dieselben wichtigen Fragen und justieren dann die Bedingungen des Festivals nach. „Wir fragen uns, wer unser Publikum ist, was unser Publikum möchte, wie wir den Stress-Level reduzieren können und warum unser Publikum so handelt, wie es handelt.“ Also können sich die Besucher des Roskilde-Festivals 2014 wieder auf einige Änderungen einstellen – aber nur zu ihrer eigenen Sicherheit.

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