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Musikwirtschafts-Kulturkonferenz des BVMI: Von Streams, Jobs und Startups

Streaming Panel: v.l. Henning Wehland, Manuel Uhlizsch, Moderator Jan-Hendrik Becker, Denise Bartels & Ministry Of Sound-Chef Konrad v. Löhneysen, Foto: BVMI/Monique Wüstenhagen

Streaming Panel: v.l. Henning Wehland, Manuel Uhlizsch, Moderator Jan-Hendrik Becker, Denise Bartels & Ministry Of Sound-Chef Konrad v. Löhneysen, Foto: BVMI/Monique Wüstenhagen

Nach dem gelungenen ersten Teil bestehend aus Keynote und Podiumsdiskussion zwischen Wirtschaft und Politik ging es im zweiten Teil der Konferenz zunehmend um die Transformation durch Digitalisierung.

Das nachfolgende Panel „Alles Umsonst – oder was?“ konnte das hohe Niveau des ersten Veranstaltungsteils nicht ganz halten. Es geriet zu einer eher kritiklosen Diskussion um Streaming und seine angeblich ausschließlich positiven Einflüsse auf den Musikmarkt. Diese Distanzlosigkeit war wohl auch ein Stück weit der Besetzung geschuldet: Manuel Uhlitzsch, Geschäftsführer von Magicinternet, auch betraut mit der Pro Sieben Streamingplattform Ampya, erklärte Streaming-Erlösmodelle und sah dabei vorbehaltlos optimistisch in die Zukunft. Das Freemium Modell  erlaube es, aus Piraterie-Nutzern Musik-Kunden zu machen.

Das Freemium-Modell macht aus Piraterie-Nutzern Musik-Käufer

Die Vertreterin und Senior Director Music Programming von Napster, Daniela Bartels, sah das fast ebenso. Napster sei schon extrem lange im Markt und hatte schon vor Jahren die ersten Streaming-Playlists zusammengestellt, als das für andere Mitbewerber noch Neuland war.

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“Wer unterstützt Nachwuchskünstler in Zeiten der Krise?” Ein leidenschaftlich diskutierender Henning Wehland sah im digitalen Strukturwandel nicht nur Vorteile. Foto: BVMI/Monique Wüstenhagen

Glanzpunkte in dem eher mauen Panel setzte dagegen H Blockx- und Söhne Mannheims-Musiker Henning Wehland, der kritisch konstatierte, dass durch die Musikwirtschaftskrise in den vergangenen Jahren viel Unterstützung für Künstler weggebrochen sei. Er fragte, ob nicht Streamingplattformen in Zukunft auch ihren Beitrag zum Artist Developement leisten sollten, um die entstandene Lücke zu füllen. Viele Künstler wollten in den Markt und fänden niemanden, der sie unterstütze. Er selber sehe Do-It-Yourself-Modelle für den Künstleraufbau kritisch. Gerade junge Künstler bräuchten hier Führung durch Profis.

Uhlitzsch sagte, er könne sich das zwar für Ampya vorstellen, so weit sei man dort jedoch noch nicht. Aber Marktführer Spotify könne durchaus so einen Vorschlag schon in der Tasche haben, spekulierte er.

Den vor einigen Monaten mehrfach kritisierten, sehr geringen Ausschüttungen für Künstler und Urheber, begegneten die Streamingvertreter mit der Aussage, dass sie bereits 70 Prozent ihrer Umsätze für Einnahmen wieder an Künstler und Label ausschütten würden. Eine noch höhere Beteiligung wäre nicht drin. Ob das auch reicht, um damit nachhaltig wirtschaften zu können, wie es um die Überlebenschancen des nach wie vor defizitären Marktführer Spotify stünde und wie die Kannibalisierung von Streaming für Downloadverkäufe zu bewerten sei, auf diese kritische Ebene wagten sich die Panelvertreter und die Moderation leider nicht. Auch hier hätte der Diskussionsrunde ein profilierter Antagonist zum Streamingmodell gut getan.

Workshops nach der Mittagspause

Nach der Mittagspause teilten sich die Teilnehmer auf parallele Workshops auf. Obwohl viele Teilnehmer die Veranstaltung verließen, konnte ein informatives Niveau gehalten werden. Während BVMI-Geschäftsführer Florian Drücke mit GFK-Vertreterin Bianca Corcoran-Schliemann über die neuen Kennzahlen im Digitalen Musikmarkt diskutierte, gab es einen Stock höher ein interessantes Kür-Thema: BVMI-Justiziar Rene Houareau fragte die amerikanische Musik-Startup Entrepreneurin Johanna Brewer, was man tun könne, um Rechteübertragung von Musikinhalten für IT-Startups einfacher zu machen.

Brewer war insofern ein Gewinn für die Veranstaltung, als dass sie die Perspektive ihrer Online-Startup Firma Freestyle Inc., einer Hackerin und einer Musikerin übereinanderlegen konnte, weil sie alles schon mal selbst gewesen ist. Sie kritisierte die Komplexität der Musiklizenzierung für kleine Firmen und Startups, war sich jedoch gleichzeitig auch im Klaren, dass Musiker, Produzenten und Label für ihre Inhalte auch bezahlt werden müssen.

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Hat beim Wettbewerb um die meisten Vokale im Nachnamen einen Sherlock Holmes Gedächtnis-Sakko gewonnen: BVMI Justiziar Rene Houareau (mitte). Links: Sasse und Partner Anwalt Jürgen Köhler, rechts: Musikerin/Hackerin Johanna Brewer, Foto: BVMI/Monique Wüstenhagen

Nach einer Sturm und Drang-Phase bei den Startups und den Internetprojekten, in der die Rechtelizenzierung eher nachrangig behandelt wurde, sei sich hierüber auch die IT-Seite einig.  Jedoch sei sie sich nicht sicher, ob die Tantiemen die ein IT-Startup für Musiknutzung zahlen würde, letztlich auch dort ankämen, wo Sie ihrer Meinung nach hingehörten, nämlich zum Künstler und zum Urheber. Hier mahnte sie mehr Transparenz an.

Jürgen Köhler, Rechtsanwalt bei der Kanzlei Sasse und Partner, erklärte das Lizenzprozedere, wies auf die getrennten Lizenzkreise der urheberrechtlichen und leistungsschutzrechtlichen Lizenzierung hin und erklärte die individuelle und kollektive Lizenzierung.

Auch er räumte ein,  dass das Verfahren noch zu kompliziert sei. Selbst Leute die jahrelang in der Kreativwirtschaft arbeiteten, hätten hier noch Probleme, weswegen manche Lizenzierungen nicht stattfänden. Ein direkter Kontakt zum Lizenzgeber helfe aber immer, um Probleme zu überwinden. Wenn Lizenzgeber und Lizenznehmer wollten, dann würde auch immer ein Weg gefunden werden. Jedoch sei es manchmal sehr schwierig den Kontakt zum Lizenzgeber, der die Rechte an der Musik besitzt, zu finden.

Wie können Lizenzprozesse vereinfacht werden?

Der BVMI, vertreten durch Houareau, machte sich Gedanken, wie man  Startups helfen könne, um diese komplexen Lizenzprozesse dauerhaft zu simplifizieren, aber auch wie man das Knowhow bei den Startups verbessern könne. Dies war für den sonst eher als konservativ Verband bekannten BVMI ein spannendes, aber auch komplexes Thema, welches zweifelsohne etwas mehr Raum verdient hätte. Auf die Frage „Alles So Schwierig?“, die gleichzeitig Titel des Panels war, fanden die Panel-Teilnehmer zwar keine befriedigende Antwort, zeigten aber Problembewusstsein.

Erklärte Struktur, Zweck und Ausschüttung der Verwertungsgesellschaft GVL in 30 Minuten: Pressesprecher Hendrik Gerstung. Foto: Stefan Herwig

Erklärte Struktur, Zweck und Ausschüttung der Verwertungsgesellschaft GVL in 30 Minuten: Pressesprecher Hendrik Gerstung.
Foto: Stefan Herwig

Im nächsten Panel erklärte GVL-Pressesprecher Hendrik Gerstung die Funktionsweise der Verwertungsgesellschaft GVL. Die GVL ist quasi die Schwester-Verwertungsgesellschaft der GEMA. Während sich erste um urheberrechtliche Nutzung kümmert (also für Komponisten und Textdicher Nutzungen kollektiv lizenziert und abrechnet), ist die GVL die Verwertungsgesellschaft für aktive Musiker, Musikproduzenten und Tonträgerhersteller.  Die anschauliche und gut strukturierte Präsentation gestaltete den Par Force-Ritt des Pressesprechers sehr informativ. Er erklärte in weniger als 40 Minuten die Grundzüge der Verwertungsgesellschaft, die sowohl für aktive Musiker, als auch für Tonträgerhersteller aber auch Schauspieler relevant seien.

Gelungene Übersicht über die Funktionsweise der GVL

Wichtig für Künstler: bis 2016 können noch Ansprüche aus den Jahren 2010-2012 angemeldet werden. Foto: Stefan Herwig, Folie: GVL

Wichtig für Künstler: bis 2016 können noch Ansprüche aus den Jahren 2010-2012 angemeldet werden.
Foto: Stefan Herwig, Folie: GVL

Trotz des hohen Tempos der Präsentation  erhielten hier Branchenneulinge eine hilfreiche Übersicht, in der sich die GVL überzeugend als einfach zu kontaktierende und zu verstehende Verwertungsgesellschaft präsentierte. Die GVL repräsentiere 142.000 Künstler und 9.500 Hersteller und schüttete an diese pro Jahr 110 Millionen Euro aus (Verteilung 2012). Jedoch streite man sich noch mit der Computerwirtschaft um Hinterlegungen für Computerfestplatten und USB-Sticks, die diese nur verzögert ausschütten würden, und für die teils keine Rückstellungen von den PC-Herstellern  gebildet worden waren.

Panel-Hit: Berufsaussichten in der Musik-Branche

Den Abschluss der Veranstaltung stellte ein Panel zum Thema Berufsaussichten in der Musikwirtschaft, moderiert von Popakademie-Rektor Hubert Wandjo, vor einem überraschend jungen und interessierten Publikum: Es ging um Jobs und Einstiegsqualifikationen.

Die klassischen Quereinsteiger-Karrieren im der Branche gingen  zurück, konstatierte Jörg Haußknecht von Universal. Die Spezialisierungen und Anforderungen würden größer, was auch die Digitalisierung mit sich brächte. Um hier konkurrenzfähig zu bleiben, stelle man mittlerweile anspruchsvolle Anforderungsprofile zusammen. Auch ein gut abgeschlossenes Studium bei der Popakademie sei von Vorteil. Momentan habe Universal fünf interessante  Stellenausschreibungen offen.

Quereinsteigerkarrieren zuhauf gäbe es dagegen noch in der Konzertbranche, teilte Dieter Schuber  von A.S.S. mit. „Unsere Mitarbeiter waren vorher Krankenschwestern, Dachdecker und Steuerberater“, erzählte er. Durch die professionelle Organisation und der Schaffung des Ausbildungsprofil „Fachkraft für Veranstaltungstechnik“ sei aber auch die Konzertbranche professionalisiert worden.

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“Wo geht’s denn hier zum Job?” Von Links: Indie-Vertreter Krings, Majorlabel Personaler Haußknecht, Moderator Wandjo, A.S.S.-Konzertveranstalter Schuber. Foto: BVMI / Monique Wüstenhagen

Insgesamt gibt es in Deutschland schon über 20.000 Ausgebildete, wovon allerdings nicht alle in der klassischen Musikwirtschaft landeten, sondern auch im Messebau, im Cateringbereich oder beim Merchandising. Insgesamt gäbe es 500 professionelle Konzertagenturen, 500 örtliche Veranstalter und 50 Festivalveranstalter.

Die Frage, wie man zu einem Job in einer Agentur wie A.S.S. komme, beantwortete Schuber: „Ganz klassisch über Praktikum und Ausbildung. Wir schauen aber auch ständig nach links und rechts.“ Und Bewerber, die ihre eigenen Musikgruppen bereits bei der Bewerbung mitbringen, seien auch stets gerne gesehen.

Bei den Independents zähle dagegen nach wie vor die Leidenschaft und der Wille zum stetigen Lernen, sagte Fritz Krings, Vorstand des Independent-Musikunternehmensverbandes VUT und Geschäftsführer der Label/Musikverlag/Konzertagentur-Konglomerates Peripherique. Der VUT als Independent Musikverband der Kleinbetriebe habe derzeit 1.300 Mitglieder, die aber nicht alle klassische Tonträgerunternehmen sein. Man nehme auch selbstständige Künstler, Musikverlage und „Musikunternehmen“ auf. So veranstaltet Krings‘ Firma Peripherique ein Musikfestival im Odenwald, bei dem man nicht nur 90 Prozent der Tickets selbst verkaufe, sondern auch sein eigenes Festivalgetränk herstelle.

Berufseinsteiger sollen Flexibilität und Lernbereitschaft mitbringen

Flexibilität und Affinität zur jeweiligen Musik sind also nach wie vor bei den Independentlabels Trumpf. Dass deren Jobanforderungsprofile bei den Indpeendent-Kleinbetrieben mitunter nicht ganz so ausgearbeitet sind, wie beim mittelständischen Majorlabel Universal, versteht sich von selbst. Deswegen ist Flexibilität und Lernbereitschaft für Berufseinsteiger Trumpf. Trotzdem schlug Moderator Hubert  Wandjo vor, über den Verband  VUT auch eine zentrale Jobbörse zu lancieren. Ein guter Vorschlag, der eine Lücke bei den Indies adressierte.

Da auch das letzte Panel noch von einem eher jungen Publikum gut besucht war, konnte man sehen, dass wieder neues Interesse an einem Job in der ehemaligen Krisenbranche Musikwirtschaft besteht. Es geht – langsam aber sicher – wieder aufwärts. Die Kulturkonferenz hat es gezeigt.

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