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Das Berufsportrait eines Tourmanagers

Marc Schmitz hat täglich mit Pressevertretern zu tun.  Meistens wollen die jedoch einfach nur an ihm vorbei, wenn sie mit seinen Künstlern ein Interview führen wollen. Marc Schmitz ist kein Türsteher, Marc Schmitz ist Tourmanager.

Marc Schmitz muss diesmal aber kein Interview bestätigen oder koordinieren, er sitzt heute selbst vor dem Mikrofon. WeCAB ist zu Gast und rückt nicht den Künstler in den Vordergrund. Sondern den „mächtigsten Mann“ auf einer Konzerttournee, den Tourmanager. Wir wollen wissen, was er eigentlich zu tun hat, auf einer Tour? Da sind ja noch die Tonleute („Sound Engineers“), die Lichtleute („Lighting Designer“), die Aufbauhelfer („Hands“),  Gitarrenstimmer („Backliner“) die T-Shirt-Verkäufer („Merchandiser“) und nicht zuletzt natürlich die Musiker („Artists“) – unverzichtbar. Was jedoch macht der Tourmanager?

Marc lächelt, setzt zu einer Antwort an, beißt sich auf die Lippe, überlegt wieder und antwortet dann diplomatisch: “Wenn eine Tour so läuft, wie sie geplant, wäre in der Tat ein qualifizierter Tourmanager nahezu überflüssig. Aber es läuft halt eben meistens nicht alles so wie geplant“. Insbesondere im ersten Drittel einer Konzerttournee gäbe es sehr viel Justierungsbedarf, „denn eine Tour besteht aus einem Haufen Leute, die sich immer wieder neu aufeinander einspielen und einstellen müssen. Die Band, die Crew, jeden Tag ein neuer lokaler Veranstalter und häufig auch eine neue Situation.“

Marcs Aufgabe ist es, das Organisatorische so zu formen, dass die Tour ideal abläuft, dass Zeitpläne eingehalten werden, alle Ihr Geld bekommen, und – idealerweise – die Anzahl der Konflikte auf so einer Tour minimal sind. Denn je länger eine Konzerttournee läuft, desto wichtiger ist eine gute Arbeitsatmosphäre. Irgendwann schlägt sonst eine schlechte Organisation auf die Konzerte und die Künstler nieder.  “Und das darf natürlich nicht passieren, denn für gute Shows sind wir ja da. Das ist unser Job. “

Ein guter Tourmanager muss dazu idealerweise gleich mehrere Fähigkeiten in sich vereinen. Er ist Organisationstalent, Respektsperson, Kindermädchen, Vaterfigur, Psychologe und Buchhalter in einem. Er muss die Produktions-Erfordernisse und die Eigenheiten seiner Künstler genauso kennen, wie das Veranstaltungsrecht. Er muss gute und schlechte Veranstalter erkennen, und die richtige Mischung zwischen „Druck“ und „gutem Wetter“ ausüben.

Und er muss sich vor allem an der Größe und dem finanziellem Niveau der Tour orientieren. Wenn die Band, die er begleitet nur 100 Leute zieht, dann ist der Tourmanager darüber hinaus  häufig Fahrer, Merchandiser und Tonmann in einem. Die knappste Ressource ist das Geld. Je größer die Konzerttourneen und je bekannter die Band, desto höher der organisatorische Aufwand. Die knappste Ressource ist dann meistens die Zeit.

Er muss immer den Überblick behalten: kann die Lichtanlage, die die Band mitbringt, und für deren Aufbau der Lighting Designer  acht Stunden veranschlagt hat, auch mit Hilfspersonal ausnahmsweise in fünf Stunden aufgebaut werden? Sind die Lenkzeiten des Busfahrers ausreichend, um eine Band die am Dienstag in Malmö spielt, am Mittwoch in Chemnitz auftreten zu lassen?

Schafft der Sattelschlepper mit der Tontechnik die enge Kurve, um überhaupt die Zufahrt zum winzigen, soziokulturellen Zentrum in Friedrichshafen nehmen zu können?

Ab einer gewissen Größenordnung der Produktion bekommt der Tourmanager oft Unterstützung. Dann übernimmt der Produktionsleiter einen großen Teil der Aufgaben: alles was mit Ton, Licht, Aufbau und Bühne zu tun hat. Der Tourmanager kümmert sich dann „nur“ noch um Gästelisten, Hotelübernachtungen, Reisevorbereitungen, die Abrechnung mit dem Veranstalter und den Geldfluss vor Ort, um Arzttermine für den Rücken des Bassisten, bis zum Hundefutter für den Tourhund, „Stoney“, den die Schlagzeugerin unbedingt mitnehmen musste, weil sie niemanden für seine sechswöchige Betreuung finden konnte. „Wenn sie gut organisiert sind, dann sind große Touren für den „TM“, meistens deutlich angenehmer als kleine Touren.

Bessere Bezahlung, mehr Zeit für die Vorbereitung, professionellere Veranstaltungen. Aber meistens auch schwierigere Künstler, größerer Tross, mehr Werbung, mehr Interviews durch die Plattenfirma. Mehr Spaß machen dagegen häufig die kleineren Gigs, sympathischere Künstler,  beziehungsweise „mehr Rock’n Roll“, wie Marc es nennt. Der Enddreißiger hat sich auf Metal und Alternative Bands spezialisiert, und sich in diesem Genre einen guten Ruf als Tourleiter verschafft. Er ist gerne in diesem Bereich unterwegs. “Auch wenn ich dann häufig das ganze Chaos ausbaden kann, die Herausforderung ist meistens anspruchsvoller, das Arbeiten kreativer”, sagt Marc.

Stichwort Chaos, hier trennt sich bei den Tourmanagern schnell die Spreu vom Weizen: Was passiert, wenn der Nightliner plötzlich an einem Feiertag mit Motorschaden in der Mitte von Nirgendwo liegen bleibt? Oder wenn die Bandstreitigkeiten gerade eine halbe Stunde vor dem Gig Überhand nehmen? Wer behält die Nerven, wenn der Bassist morgens um drei Uhr kurz vor der Busabfahrt zur nächsten Konzerthalle verschwunden ist, obwohl der Busfahrer bereits seit 30 Minuten mit laufenden Motor und scharrenden Hufen auf die Abfahrt wartet, und die anderem zehn Crewpersonen schon längst in den Kojen liegen? „Ich steige als erstes aus dem Bus, und liege dann auch meist als letztes in der Buskoje. Mein Arbeitstag hat auch schon mal 16 Stunden, und wenn die Tour schlecht läuft dann können das auch mal 6 Tage pro Woche sein.“

Sein bisher größte Leistung: „Einen verpeilten norwegischen Sänger über die amerikanisch-kanadische Grenze zu bringen – legal – obwohl er seinen europäischen Reisepass zwei Tage vorher verloren hatte. Und dann am nächsten Tag am norwegischen Konsulat in Vancouver einen weiteren Ersatzpass beantragen, damit der Künstler auch am Ende der Tour wieder nach Hause fliegen kann. Wobei sich die Konsularbeamte wunderte: „In den zweiundzwanzig Jahren die ich hier arbeite hat noch nie ein Europäer diese Grenze ohne Reisepass überquert.”

“ Das sind die kleinen inoffiziellen Schulterklopfer, die man sich als TM abholen kann. Daran hatte Marc acht Stunden gearbeitet, und in der Nacht vor dem Grenzübertritt ein kleines Vermögen vertelefoniert. Aber die Show in Vancouver konnte stattfinden. Job erledigt. Tour gerettet.“

Wenn man Marc fragt, ob die ganzen Selbstvermarktungsmechanismen in der Musikwirtschaft nicht auch seinen Job bedrohen, gibt Marc eine klare Absage: “Nein, auf keinen Fall. Dazu sind die Herausforderungen in diesem Job viel zu komplex, die Erfahrungen zu wichtig. Diese ganzen sich selbstvermarktenden Bands ohne Management, ohne Plattenfirma zerschießen sich spätestens nach zwei Touren. Wenn sie überhaupt jemals auf eine Tour kommen, so verlieren sie meistens Geld. Die sind nach spätestens zwei, drei Jahren wieder weg vom Fenster, weil sie niemanden haben, der sie finanziert, und weil so eine Band ab einem gewissen Level ohne guten Sound und gutes Licht nur eines hat: Keine Chance!”

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