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Der direkte Draht vom Musiknutzer zum Musikurheber – muss alles dazwischen weg? – Teil 1: Ein Fallbeispiel

Von Anselm Kreuzer (freischaffender Komponist und Musikproduzent)

„Alles zwischen Musiknutzer und Urheber muss weg. Nur der direkte Draht ist zeitgemäß.“ So oder ähnlich klingt ein derzeit in der Politik populärer Standpunkt. Oft wird er zwar relativiert, gibt aber die Richtung vor: Man muss bei den institutionellen Geschäftspartnern der Musikurheber (das sind Komponisten und Textdichter) durch Liberalisierungen und Rechteeinschränkungen ansetzen, um die Musikbranche für die Erfordernisse des digitalen Zeitalters fit zu machen und Nutzer- mit Urheberinteressen zu vereinen. Urheber würden von alten Strukturen befreit und bekämen so die Chance, sich im Netz selbst oder direkt zu vermarkten. Entlohnt würden sie durch vermeintlich unbürokratische, symbolische, freiwillige oder pauschale Bezahlung.

Was für Betrachter frisch und modern wirken mag und Verbraucher zunächst mal freut, muss von denen, die Urheberschaft zur Lebensgrundlage wählen, auf Tauglichkeit und Professionalität geprüft werden. Dass Urheber auf den einen oder anderen herkömmlichen Geschäftspartner im Einzelfall verzichten können, steht dabei außer Frage. Aber in der politischen Debatte geht es nicht um freiwilligen Verzicht, sondern um die Tendenz, einen Verzicht zum argumentativen und operativen Ausgangspunkt neuer Gesetze zu machen. Besonders in der Kritik stehen – nicht nur in der Musikbranche – Verlage und Verwertungsgesellschaften. Sind sie tatsächlich überflüssig? Schaden sie gar Urhebern und Nutzern.

Anselm Kreuzer

Anselm Kreuzer ist Komponist für audiovisuelle Medien: Fernsehen, Film, Werbung, Imagefilme und Websites.

Ein kleines Beispiel aus meinem Komponisten-Alltag soll zeigen, welche Auswirkungen es haben könnte, wenn Verlage und Verwertungsgesellschaften wegfielen.

Ich bin Komponist für audiovisuelle Medien: Fernsehen, Film, Werbung, Imagefilme und Websites. Oft werde ich direkt von den Medien beauftragt, für ein Projekt Musik zu komponieren. Ein anderer Teil meiner Tätigkeit aber zielt auf Library Music. Das ist Musik, die für den späteren Einsatz im Fernsehen, Radio, in der Werbung, im Web – eben vor allem in auditiven oder audiovisuellen Medien – vorgesehen ist, aber nicht exklusiv für nur ein Projekt gedacht ist. Der größte Teil an Live-Shows oder journalistischen Beiträgen im Fernsehen sowie der Werbespots wird beispielsweise mit solcher Musik vertont. Verlage stellen klassischerweise die dazu passende Musik bereit: Sie bieten gut organisierte Kataloge zur Suche von Musik anhand von Stil- und Formkriterien. Diese Kataloge sind inzwischen bequem online abrufbar.

Mit einem Verlag zu arbeiten heißt für mich, dass ich die Verwertungsrechte an den Verlag abtrete und er je nach Art des wahrgenommenen Rechts zu etwa 40-50 Prozent an den über mein Werk generierten Einnahmen mitverdient. Seine Aufgabe ist es, Nutzer für meine Musik zu akquirieren, möglichst auf internationaler Ebene. Die Abrechnung von Musikeinsätzen erfolgt international zum größten Teil über Verwertungsgesellschaften: In Deutschland ist es die Gema, der die Einsätze der Musik durch die medialen Nutzer gemeldet werden müssen und die dann je nach Größe des Mediums und Länge der Musiknutzung Anteile an mich als Komponisten ausschüttet. Das Geld dazu zieht sie bei eben diesen Nutzern ein. Die Gema ist mit internationalen Verwertungsgesellschaften vernetzt und schüttet auch Gelder an mich aus, die in anderen Ländern von dortigen Verwertungsgesellschaften eingezogen wurden, falls meine Musik in dem Land gespielt wurde. Für ihre Dienstleistung der Rechtewahrnehmung darf die Gema einen Kostensatz von ungefähr 15 Prozent einbehalten – ohne Gewinnabsicht.

Würde das auch anders funktionieren?

Gehen wir davon aus, dass ich ein Stück Instrumentalmusik geschrieben und zu einem fertigen „Track“ produziert habe – frei und ohne Auftraggeber. Der Track zielt darauf ab, mit Bildern und Geschichten in einem journalistischen Fernsehbeitrag verbunden zu werden. Ohne Verlag zu arbeiten hieße: Ich stelle den Track ins Netz (auf meine eigene Website, in einen Cloud-Dienst, Youtube oder einen anderen Dienst) und mache ihn über Social Networks, Foren, Blogs, Mails und ähnlichem bekannt. Im besten Fall finde ich einen Redakteur; der Track gefällt ihm, und er setzt ihn in seinem Beitrag ein. Die Musik wird nun kommerziell ausgewertet, und ich kann meinen Lizenzanspruch geltend machen und müsste keinen Verlagsanteil abtreten. Moderne Selbstvermarktung – kann funktionieren!

Ist dieser Fall generell übertragbar? Um das zu beantworten muss ich die Arbeit meiner potenziellen Nutzer betrachten. Wie geht es also für den Redakteur weiter? Er braucht wahrscheinlich schon für diesen einen Beitrag zusätzliche Musik. Und er hat nicht viel Zeit. Sicher könnte er in Cloud-Diensten, auf Youtube oder in der wirren Vielfalt von Einzelangeboten weiter stöbern. Aber es ist beinahe sicher, dass er nicht so schnell zum Ziel kommt wie über renommierte Verlage. Dem freien Netz fehlen nämlich ein Qualitätsstandard und ein einheitliches Beschreibungssystem, da ja jeder Komponist seine Tracks nach Belieben hoch laden kann. Natürlich gibt es Tags, Likes, Kommentare, Empfehlungen und Play-Zahlen. Aber diese Techniken ergeben ein nicht unbedingt relevantes Mehrheitsvotum.

Anselm Kreuzer

Anselm Kreuzer bei den Orchesteraufnahmen für das Album >Marimba – Human Stories< (UBM Media / www.ubm-media.com). Foto: Rainer Maillard

Ein guter Verlag hat ein Gesicht. Dort sitzen Menschen mit Geschmack, die Komponisten auswählen, Musikwerke bündeln, sich als Korrektiv am Schaffungsprozess beteiligen. Der Verlag hat talentierte Mitarbeiter, die Kunden besuchen oder telefonisch beraten. Vielleicht ist er auf eine bestimmte Stilistik spezialisiert und investiert in qualitativ hochwertige Produktionen durch Zahlung von Orchestern und Instrumentalisten.

Dem Redakteur spart der Verlag Zeit, die er sonst inmitten seines journalistischen Arbeitsalltags eigens in die Beschäftigung mit Musik investieren müsste. Und auch ich muss, um all die Vorzüge des Verlags über Selbstvermarktung im Netz zu kompensieren, viel Zeit investieren, was einer Nebenbeschäftigung gleich kommt. Hin und wieder mache ich das sogar gern, aber es stets machen zu müssen würde mein kompositorisches Schaffen stark beschränken.

Außerdem hinge mein Erfolg nicht primär von meiner musikalischen Fähigkeit, sondern in hohem Maße von meinem Vermarktungsgeschick ab – eine Voraussetzung, die professionelle Nutzer mit Recht kritisch betrachten. Was ich überhaupt nicht kompensieren kann: Ein großer, ausgewogener Katalog ist für den Nutzer interessanter als die Beschäftigung mit einzelnen Track-Angeboten oder kleinen Musiksammlungen: Mein Track wird schneller aufgefunden. Das von Verlagen oft über Jahrzehnte aufgebaute Vertrauen internationaler Großkunden kann ich ebenfalls kaum durch meine eigene Performance als Selbstvermarkter ausgleichen. Nicht zuletzt: Eine kritische Masse an Repertoire gibt dem Verlag auch eine gewisse Verhandlungsmacht gegenüber seinen Nutzern. Das alles kompensiert meine an den Verlag verlorenen Prozent-Anteile vielfach und sorgt dafür, dass ich mich aufs Komponieren konzentrieren kann.

Anselm Kreuzer bei den Orchesteraufnahmen für das Album >Marimba - Human Stories< (UBM Media / www.ubm-media.com). Foto: Rainer Maillard

Anselm Kreuzer bei den Orchesteraufnahmen für das Album >Marimba – Human Stories< (UBM Media / www.ubm-media.com). Foto: Rainer Maillard

Natürlich gibt es viele Konstellationen, in denen ein Verlag auch für mich schlichtweg unnötig ist, da es einen direkten Auftraggeber für eine Komposition gibt. Und natürlich gibt es Verlage, die versuchen, sich in bereits bestehende Geschäftsverbindungen hineinzudrängen. Wünschenswert ist auch ein effektiveres Rückrufrecht der Musikurheber im Fall, dass Verlage ihrer Aufgabe, dem Werk einen Markt zu erschließen, nicht nachkommen: „Use It Or-Loose It“. Aber es wäre für Komponisten und Textdichter fatal, sich auf die Unterstützung solcher Regeln als Wiedergutmachung für verlorene Urheberrechtsgrundlagen einzulassen. In der politischen Debatte wird leider häufig die notwendige Aufbesserung des Urhebervertragsrechts als Vorwand für Urheberrechtseinschränkungen benutzt, die Komponisten, Textdichtern und ihren Verlagen gleichermaßen schaden und eine effiziente, arbeitsteilige Musik- und Medienwirtschaft entprofessionalisieren.

Was ist mit den Verwertungsgesellschaften? Die Gema gibt ihren Lizenznehmern Rechtssicherheit für die Verwendung von nationaler wie internationaler Musik. Im TV-Beitrag ohne Werbecharakter kann der Redakteur meine Musik einfach einsetzen, wenn sie auf einem physischen oder virtuellen Tonträger erschienen ist und eine LC-Nummer trägt. Es bedarf nur noch der Meldung des Einsatzes bei der Gema. Ohne Gema müsste der Sender jeden Komponisten oder Textdichter, auch international, einzeln um Erlaubnis zur Musiknutzung fragen, einzeln über Lizenzpreise verhandeln und die Nutzungen einzeln vergüten. Mein Track hätte kaum Chancen, auf internationalen Networks gespielt zu werden. Bei hunderten von täglich eingesetzten Tracks müssten ganze Abteilungen als Gema-Ersatz aufgebaut werden. Wahrscheinlich würden Sender, Clubs und Veranstalter ebenso in Bürokratie ersticken wie die Komponisten und Textdichter. Online-Anbietern geht es da prinzipiell nicht anders, nur weigern sich viele von ihnen beharrlich, überhaupt für Musiknutzung zu zahlen. Verwertungsgesellschaften sind als Gegengewicht mächtiger als einzelne Urheber und daher gerade im digitalen Zeitalter wichtig. Da auch Gema-freie Musik entgegen einem verbreiteten Irrglauben zudem nicht kostenfrei ist, würden reihenweise Klagen von einzelnen Urhebern gegen Musiknutzer folgen, die eine angemessene Vergütung im Nachhinein einfordern. Der Endverbraucher bekäme langfristig weniger Musikrepertoire zu hören und würde finanziell belastet.

Auch wenn es etliche reformbedürftige Aspekte innerhalb der Gema gibt, wäre ihr Wegfall weder ein Schritt in Richtung „Freiheit der Musik“ noch in Richtung „moderne Medien“, wie es häufig propagiert wird. Die Herausforderung für Verwertungsgesellschaften besteht darin, moderne Monitoring-Systeme zur einfacheren Nutzungskontrolle zu integrieren und möglichst international kompatible Abrechnungs- und Verteilungsmodelle für die Online-Märkte zu entwickeln, sofern dies bei dem massiven Gegendruck von Teilen der IT-Wirtschaft gelingt.

Der „direkte Draht vom Musiknutzer zum Musikurheber“ erscheint, abschließend, als eine Idealisierung des Netzes, dessen fantastische Kommunikationspotenziale für Urheber und Nutzer von Musik als Erweiterung für gewachsene Verwertungsstrukturen hilfreich, als ausschließliche Lösung aber in professioneller Hinsicht tödlich sind.

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