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Ist Musikwirtschaft ein Halsabschneider-Geschäft? Eine Replik auf Seliger

„Geld verdient mit Tonträgern, wer die Rechte an ihnen besitzt – also eher nicht die Urheber, sondern die Labels wie RCA, hier in einer Aufnahme von 1952.“ Dieser Satz ist seit Mittwoch als Bildunterschrift im Kultur-Ressort des Meinungsmagazins FREITAG zu lesen. Er steht stellvertretend für die Kernthese des Autors Berthold Seeliger, die dieser in seinem Artikel „Mozarts Subscriber“ äußert. Plattenfirmen, die Leistungsschutzrechte ausschüttende GVL und aktuelle Tonträgerverkäufe, ob digital oder physisch, alle tragen nur noch unwesentlich zum Einkommen eines Musikers bei.

Auch wenn der Artikel vordergründig mit richtigen Zahlen hantiert, ist er unter dem Strich doch so falsch und ebenso irreführend wie die oben zitierte Bildunterschrift, die eine erschreckende Unkenntnis verrät. Nicht nur existiert die bildgebende Firma RCA schon seit 1986 nicht mehr, es wurde auch damals an General Electric und dann an Bertelsmann verkauft – wegen zu hoher Schulden. Dafür dass Plattenfirmen ihre Künstler so übervorteilen, gehen überraschend viele von Ihnen irgendwann in die Insolvenz oder werden verkauft. Heute existiert der Name RCA nur noch als Hülle für eine Sony Music Division in den USA. Ganz schön unlukrativ, diese Halsabschneiderei mit Musik, irgendwie.

Schon seit 1986 faktisch nicht mehr im Betrieb. Damit idealer Sündenbock: RCA

Darüber hinaus ist die ebenfalls in der Bildunterschrift getätigte Behauptung, dass gerade Urheber keine Rechte an Tonträgern besäßen, sachlich komplett falsch. Die einzigen Beteiligten, die gerade in Deutschland ein unveräußerliches Recht an ihren Werken besitzen, sind  Urheber und  Leistungsschutzrechtsinhaber. Ohne deren Rechteeinräumung – individuell oder kollektiv – kann ein Tonträger nicht legal produziert werden.  Soviel Unsinn, allein schon in einer Bildunterschrift.

Im eigentlichen Text geht es dann ebenso drollig-falsch weiter: Seliger rechnet vor, dass eine Musikgruppe, die in Deutschland 1000 CDs verkauft, gerade mal knapp über 2000€ erlöst. Das ist faktisch zwar zutreffend, aber verwischt trotzdem die Realität. Denn dazu kommen für die Musiker Einnahmen aus GEMA für mechanische Lizenzen (in der Regel zwischen 0,55 und 0,90 Cent pro CD) und GVL. Und: Kaum eine CD wird alleine in Deutschland verkauft, die meisten werden gleich europaweit distribuiert. Je nach Stil und Szene liegen die Europaverkäufe zwischen 0 und 80%. Dazu kommen internationale Downloads, die alleine in Deutschland mittlerweile gut 25 Prozent des Marktumsatzes ausmachen, nur ein Bruchteil davon bisher aus Streams. Aber die größte Augenwischerei des Autors ist eigentlich die Annahme, eine Independentband, die 1000  CDs verkauft, müsse von ihren Verkäufen leben können. Es erwartet auch niemand, dass ein Konzert, welches gerade mal 100 zahlende Gäste erreicht, seine Kosten wieder einspielt.

Der Artikel ist nur ein Beispiel einer Reihe aus Artikeln, die Seliger in den letzten Monaten in verschiedensten Magazinen  veröffentlicht hat. In diesen hat er polemisch-demagogische Breitseiten gegen fast alle anderen Beteiligten der Musikwirtschaft abgefeuert. Mal sind die Ticketkonzerne wie Eventim dran, mal die GEMA und jetzt eben gerade die Plattenfirmen und das System der Leistungsschutzrechte. Alle diese Systeme benachteiligten seiner Ansicht nach die Künstler und schütteten ihre Gelder ungerecht aus.

Die Argumente im aktuellen Artikel sind unterfüttert mit Musikwirtschafts-Bashing aus der untersten Ecke der Mottenkiste: Plattenfirmen hätten nur in den zwei Dekaden nach der Einführung der CD vernünftige Lizenzen gezahlt, weil die Musikwirtschaftsunternehmen „unverdienterweise“ ihre ganzen Kataloge nochmal verkaufen durften, wegen zusätzlicher CD-Verkäufe. Nicht nur war die CD ein Gemeinschaftsprodukt von Phillips und Sony, die damals beide einen großen Teil ihrer Umsätze durch Musikdivisionen machten, und den gesamten Tonträger inklusive technologischer „Nebensachen“ wie D/A-Wandlung und digitaler Abtastung die CD „unverdienterweise“ gleich selbst erfanden. Auch stellt Seliger den gesellschaftlichen Wandel und die kulturelle Wertschöpfung von „Recorded Music“ an sich in Frage. Dabei hat seit den 50iger Jahren nicht nur jede Musikdekade die gesellschaftlichen Umbrüche nicht nur begleitet sondern, sogar an vorderster Front mitgeprägt. Beat, Rock’n Roll, sexuelle Revolution in den 70igern, Punk, Wave, Disco, selbst der Überbegriff „Popkultur“ wurde von der Musikentwicklung ausgelösz bzw mitgeprägt. Seliger präsentiert sich als echter Gesellschafts(ver)kenner, der all das auf zwei Dekaden zufälligen CD-Boost reduziert. Für Zehntausende von Musikwirtschafts-Beteiligten ist das eine Verhöhnung sondergleichen.

Die einzigen zukunftsversprechenden Institutionen, bei denen der Künstler seiner Meinung nach aktuell faires Geld erwarten können, seien Streaming-Portale und Konzerttourneen. Damit dürfte zunächst klar sein, dass Seliger in Deutschland bisher selbst wohl kaum viele Streaming-Abrechnungen zu sehen bekommen hat. Denn viele Kreative sind derzeit mit diesen Minierlösen alles andere als zufrieden. Und Livekonzerte sind laut Seeliger die zweite richtige Einnahmequelle für Künstler.  Kein Wunder, dass er so argumentiert:  Seliger selbst betreibt eine Konzertagentur. Die einzigen „Guten“ im Musik Business sind also zufälligerweise alle in seiner Branche.

Ob sich Streaming-Einnahmen wirklich zum Heilsbriner für Künstler und Plattenfirmen entwickeln oder eher einen weiteren Sargnagel für die Erlöse darstellen, darüber streitet die Branche noch. Es hängt mittelfristig wohl davon ab, ob und wie sehr die Streams das physische und digitale Geschäft kannibalisieren oder vielleicht viel eher antreiben. Wenn es der Branche gelingt, Streams als ersten Teil einer Wertschöpfungskette zu etablieren, durch den der Kunde Bands kennenlernt dürfte sich die Skepsis aber auch der Hype um die Accessmodelle wieder legen. Besonders, wenn sich herausstellt, dass die Streaming-Kunden hinterher trotzdem Alben und Tickets kaufen – und vieles deutet aktuell darauf hin – dürfte Streaming zur Win/Win Situation sowohl für Musiker als auch deren Hörer werden. Aber so weit ist die Branche noch nicht.

Dollarnoten

Geht es den Beteiligten nur um die Kohle. Das lässt sich im Rundumschlag leicht behaupten – aber was ist dran?

Für Außenstehende baut Seliger eine beeindruckende Argumentationskulisse auf, die erklärt, wie Musiker bei Plattenfirmen angeblich alle Rechte an der Eingangstür abgeben und wie wenig bei Plattenfirma, GEMA und GVL rumkommt. Für Insider ist Seligers Artikel jedoch eine erneute, rein demagogisch gefärbte Breitseite. Sie zeigt meines Erachtens, wie wenig dieser Konzertveranstalter selbst von der eigenen Branche verstanden hat und wie er umso mehr lustvoll seine Branchenkollegen demontiert.

Die Realität, die Seliger in seiner reinen Schwarz-Weiß-Dogmatik darstellt, ist in Wirklichkeit deutlich komplexer. Die Einnahmequellen von aktuellen, jungen Künstlern läppern sich oft aus vielerlei Quellen und Tätigkeiten zusammen. Nicht nur Tonträgerverkäufe, GEMA und GVL; auch Livekonzerte Merchandising, Remixe und Nebenjobs gehören dazu. Bis das eigene Musikprojekt steht, jobbt der Gitarrist im Baumarkt oder als Backliner. Der Keyboarder ist gleichzeitig Produzent, DJ, Plattencoverdesigner für Dritte oder macht nebenbei den Produktionsassistenten beim WDR. Die wenigsten Independentkünstler haben darüber hinaus nur ein Musikprojekt. Sie sind häufig gleich in mehreren Projekten beheimatet. Die Logik ist, zu warten, ob eines davon vielleicht durch die Decke geht und zwischenzeitlich möglichst viel vom Business zu lernen, um dann vielleicht das Studium eventuell an den Nagel hängen zu können. Oder sie sind gar nicht erst hauptberuflich im Musikbusiness tätig, sondern leisten sich ein zeitaufwändiges kreatives Nebengewerbe mit Gewinnerzielungsabsicht. Natürlich stellt sich der Erfolg nicht bei Allen ein, und natürlich ist das Bemühen um Aufmerksamkeit beim Hörer in den Zeiten explodierender Informationskanäle und Aufmerksamkeitsökonomie kaum leichter geworden. Hierzu aber ganze Branchenteile retroaktiv die Existenzberechtigung abzusprechen ist mehr als eine steile These. Es ist schlichte Ignoranz.

Natürlich kann man die Frage stellen, was die Branche tun kann, um die Erfolgsaussichten von jungen Künstlern und Musikern zu verbessern, und Gelder vielleicht optimaler, gerechter und effizienter  auszuschütten. Hier sollte aber auch die berechtigte Frage stellen ob die aktuellen Rahmenbedingungen denen große Teile der Kreativwirtschaft unterliegen, wirklich fair und von Dauer sind, oder ob die geringeren Wertschöpfungspotentiale, die sich aktuell ja durch fast alle Kreativwirtschaftsbranchen ziehen,  weiterhin von Dauer ist.

Was kann man also jungen Künstlern raten? Nur ein Hinweis scheint allgemeingültig zu sein: Das Netzwerk einer Band, also die Anzahl der Leute, die sie auf ihrem Wege unterstützen, und mit ihnen professionell zusammenarbeiten  wächst im Rahmen ihres Erfolges um das Mehrfache ihrer Größe. Das bezieht sich nicht nur auf die Livecrew, sondern auch auf Verleger, Manager, Agenten, Dienstleister wie Photographen und Designer, Plattenfirma und Produzenten und schließlich sogar Steuerberater und Anwälte. Manchmal liegt der Erfolg gerade im Umkehrschluss: Die Band, die möglichst viele ihrer Tätigkeiten intelligent an Profis vergibt („outsourced“) kann sich dann auch am besten auf das konzentrieren, was sie selbst gut kann. Sie kann in kurzer Zeit mehr Alben schreiben, mehr Konzerte geben, mehr Shirts verkaufen. Das funktioniert aber nur, wenn dieses Netzwerk im Sinne der Band an einem Strang zieht, anstatt sich gegenseitig die Berechtigung abzusprechen. Und nicht selten sind gerade Konzertagenturen auch mal Nutznießer des Erfolges, den Plattenfirmen, Musikverlage oder Managements durch erhebliche Investitionen in Zeit, Geld und Arbeit erarbeitet haben.  Aber auch dieser Schluss lässt sich allgemeingültig nicht ziehen, denn Bands aufbauen, das sogenannte Artist Development, sollte sich arbeitsteilig durch alle Teile der Branche ziehen.

Beim Zusammenstellen eines funktionierenden Netzwerks ist aber Seligers platte Schwarz-Weiß-Dogmatik kaum eine Hilfestellung für Künstler. Insofern wäre es schön,  Herr Seliger, wenn Sie unserer Branche doch mal etwas Gutes tun und für ein paar Monate mal die Tastatur hochklappen.  Fahren Sie in Urlaub oder machen sie mal ein Praktikum in einer Plattenfirma oder einem Musikverlag. Denn ein Satz ihres Artikels trifft im Schlussteil durchaus zu: Künstler haben es in der Tat schwer. Mit falschen Branchendarstellungen und gutmeinenden Tipps im Sinne von atomar-verbalen Rundumschlägen von Berufsquerulanten ist den Musikern aber derzeit noch am wenigsten geholfen.

Wie es stattdessen funktioniert, möchten wir in Kürze auf dieser Seite zeigen.

5 Comments »

  • Frank Otto sagt:

    Ein Blick auf die Web-Site der Konzertagentur Seliger reicht: Ausser dem Weihnachtsprogramm einer ‘Las Vegas Showband’ veranstaltet er ausschließlich Konzerte für Bands mit Albumveröffentlichungen bei einem Record-Label. Die Frage ‘warum wohl?’ erübrigt sich aus meiner Sicht.

  • Markus sagt:

    Schon geil sich 2 Absätze lang über eine fremde Bildunterschrift auszulassen, in der eigenen dann aber jegliche Quellenangabe vermissen zu lassen. ;)) Wer ständig pro Urheberrecht schreit, bei jeder noch so popeligen Vorlage, sollte selbst erst Recht besonders genau arbeiten. Das eine ist Wikipedia udn vermutlich auch als Screenshot CC-Content, das andere: Wo kommen denn die Dollarnoten her? Peinlich.

  • Marcel sagt:

    @Markus: Da muss ich dich leider enttäuschen:
    Der erste Screenshot erfüllt keine nennenswerte Schöpfungshöhe – unterliegt daher keinem urheberrechtlichen Schutz und ist somit auch nicht mit einer Quellenangabe zu versehen.
    Die Dollarnoten sind ein “Werk der US-Regierung” und gelten daher als “Public Domain” – müssen also somit ebenfalls nicht mit einer Quellenangabe versehen werden.

    So viel zum Thema “peinlich”

  • @Markus:
    Ich bin da größtenteils bei Marcel. Welcher Teil des Wikipedia-Screenshots soll deiner Meinung nach schutzfähig sein?

    Die Typo? Der Kasten drumherum? Die Informationen im Kasten?

    Das Urheberrecht schützt keine Informationen, und deswegen sind auch die Informationen im Kasten nicht schutzfähig, und geniessen keinen urheberrechtlichen Schutz, und müssen daher m.E. auch nicht ge-creditet werden. Und dabei ist egal, ob der Artikel nun unter eine Creative Commons Lizenz steht oder “normal” geschützt ist. Das einzige Element das theoretisch schutzfähig wäre, ist das RCA-Logo, für das wohl mal ein Markenschutz bestanden hat. Aber da die Firma seit 1986 nicht mehr besteht sehe, und wir das Logo nicht in irgendeine kommerzielle Auswertung stellen, sehe ich eventuellen Ansprüchen gegen eine Markenschutzverletzung recht gelassen entgegen… zumal selbst Wikipedia keinen Trademarkvermerk nutzt. Das Photo mit den Dollarnoten ist von einer Umsonst-Stock Photography Seite. Insofern … geschenkt (die Argumentation meine ich, nicht das Photo).

    Aber was ich an Deiner Argumentation viel problematischer finde, ist was Anderes. Als erstes gehst du mit deinem Post in keinem Punkt auf den eigentlichen Diskurs ein. Deine Kritik hat schlicht gar nichts mit der Replik oder dem Originalartikel zu tun. Noch problematischer finde ich es, dass du uns in ein Camp packst, das “ständig Pro Urheberrecht schreit”.

    Ist mir entgangen, dass wir das bisher gemacht haben. Wir haben unsere Meinungen zum Thema Urheberrecht bisher noch nicht kundgetan, aber ich persönlich glaube, dass das Urheberrecht recht dringend auf verschiedenen Ebenen modernisiert gehört.

    Du glaubst, dass du eine Debatte nach vorne bringst, in dem du Leute in eines von zwei LAgern stellst in dem sie garnicht verortet sind, und (sorry) hirnrissige Bildcredit-Beschwerden einspielst. Ich glaube, dass es besser ist, sich den Schaum vom Mund zu wischen, und dort zu diskutieren, wo es angebracht ist.

    Gruß,

    Stefan

  • Angel sagt:

    Menschen auseinander? Oder kann Musik gar zu Konflikten und Kriegen ffchren? Ein dcberblick. Die 1. Ausgabe des nieront Musikfilm Festivals fokussierte auf neue musikalische Strf6mungen aus dem Umfeld der

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