News

Neues aus der Musikwirtschaft

Kreativität

Alles zwischen Inspiration
und Kunstprodukt

Kommerz

Von Backsteinen zum
Big Business

Konzept

Über „Das Netzwerk“
– und wie man es erschafft

Kontroverses

Political Correctness?
Aber nicht hier!

Home » Kontroverses

Was Musikplattform-Anbieter von ihren eigenen Ratschlägen an Kreative haben

Teil 2 der Serie: Vom Musiknutzer zum Musikurheber – muss dazwischen alles weg?

Viele freundliche Ratschläge aus dem Umfeld von werbefinanzierten, offenen Musikplattformen wie Youtube oder Grooveshark zielen nur in die eine Richtung: „Alles zwischen Musiknutzer und Urheber muss weg. Nur der direkte Draht ist zeitgemäß.“ Es sei doch heute viel erquicklicher für Künstler und Urheber, sich selbst zu verwalten anstatt mit behäbigen „Verwertern“ – so das leicht abschätzige Sammelwort für Plattenfirmen, Verlage und Verwertungsgesellschaften – zu arbeiten.

Anselm Kreuzer

Der Autor Anselm Kreuzer ist Komponist für audiovisuelle Medien: Fernsehen, Film, Werbung, Imagefilme und Websites.

Da diese Ratschläge aber oft nicht die tatsächlichen Erfordernisse des kreativen Alltags berücksichtigen, stellt sich die Frage, was Anbieter von Musikplattformen selbst von ihren freundlichen Ratschlägen haben.

Offene Plattformen verdienen Geld über die Aktivität der Nutzer. Traffic nennt man das: Je häufiger die Nutzer auf die Plattform gehen, desto effektiver kann Werbung eingebunden werden. Damit das gelingt, müssen im Mittelpunkt einer Plattform attraktive Inhalte wie Musik und Filme stehen, die eigentlich Geld kosten würden, hier aber den Nutzern zum freien Konsum durch Streaming angeboten werden. Denn: Der Wert einer Plattform steigt unmittelbar mit dem Marktwert der auf ihr angebotenen Inhalte.

Der Trick der Betreiber offener Plattformen besteht darin, dass sie Musik und Videos offiziell nicht selbst bereitstellen, sondern es den Nutzern überlassen, sie hochzuladen. So können die Betreiber immer, wenn Urheberrechtsverletzungen auffliegen, auf die Nutzer zeigen, die ja im Regelfall nicht belangt werden. Widerrechtlich hochgeladene Werke bleiben so lange – komfortabel über Werbung zu Geld gemacht – auf der Plattform, bis ein Rechteinhaber aufmerksam wird und sie entfernen lässt. Meist dauert es aber nicht lange, bis die Lücke durch Nutzer geschlossen wird.

Komponisten, Textdichter und ausübende Musiker, die von ihrer Urheberschaft oder ihren Leistungen als Sänger und Instrumentalisten leben, sehen diese Praxis mit sehr gemischten Gefühlen. Einerseits sind sie, das haben sie mit ebenso leidenschaftlichen Hobby-Musikern gemein, stolz, wenn ihren Songs die Ehre zuteil wird, hochgeladen und zigtausend mal abgespielt zu werden. Zweifellos hat hier die Internet-Ära eine ganz neue und unverblümte Art von Musikverbreitung hervorgebracht. Andererseits können sich hauptberufliche Musiker mit Bekanntheit und hohen Klick-Zahlen als Gegenwert ihrer Arbeit nicht zufrieden geben. Irgendwo in der Musikverwertung muss eine Beteiligung der Musiker am wirtschaftlichen Vorteil, den Musik ja zweifellos bringt, stattfinden. Zumindest dann, wenn ihre Tätigkeit mehr als ein edles Hobby sein soll und sie auch teure Produktionen verwirklichen wollen.

Wer soll nun aber die Musiker für ihre Leistung bezahlen? Nach klassischem Verständnis müssten das die Nutzer sein, weil sie ja ein Angebot entgegen nehmen. Allerdings verhalten sich werbefinanzierte Plattformen – zumindest meiner Auffassung nach – wie private Fernsehsender: Sie bieten mediale Inhalte ohne direkte finanzielle Entschädigung durch die Nutzer an, weil die Nutzer bereits durch ihren Werbekonsum bezahlen. Aus ihren Werbeeinnahmen zahlen die Sender Lizenzen für die dargebotenen Inhalte. Dieses Prinzip, konsequent und beidseitig fair auf werbefinanzierte Musikplattformen angewandt, könnte Frieden zwischen Nutzern und Kreativen schaffen. Dass es dabei passieren kann, dass sich einzelne Plattformen nicht mehr rechnen, sollte dabei nicht dramatisiert werden, da in allen wirtschaftlichen Bereichen Güterpreise nicht nur danach bestimmt werden, ob sich die Absatzmärkte rechnen. Auch eine Plattform trägt ein wirtschaftliches Risiko.

Das Bild zeigt deutlich, dass Venture Kapital nur noch in die Infrastruktur fließt und nicht in Inhalte investiert wird. Ziemlich kurzsichtig, da die Infrastruktur von den Inhalten abhängig ist. Foto: Screenshot-Bearbeitung; Quelle: GP Bullhound

Solch konsequent angewandte Wirtschaftsbalance zwischen Kreativen und Anbietern steckt gegenwärtig aber noch in den Kinderschuhen. Einvernehmliche Zahlungsmodelle und -höhen bereiten Probleme, wie der Konflikt zwischen Gema und Youtube ebenso zeigt wie die Tatsache, dass Grooveshark seinen Dienst in Deutschland auf Eis gelegt hat. Die Unzufriedenheit beispielsweise britischer Musiker mit den Ausschüttungen, die die dortige Verwertungsgesellschaft PRS mit Youtube verhandelt hat, zeigt umgekehrt, dass die zwischen Plattformen und Verwertungsgesellschaften gegenwärtig geschlossenen Kompromisse den Kreativen wenig gerecht werden.

Plattformen schützen sich gern unter Berufung darauf, dass das Gratis-Angebot trotz marginaler wirtschaftlicher Beteiligung der Musiker diese nicht benachteiligt. Musiker werden schließlich auf dem Plattform-Boden bekannt und können mit diesem Sprungbrett jede Menge Geld über andere Musikmärkte verdienen: CD- und Online-Verkäufe, Radio- und Fernseh-Airplay, Konzerte und so weiter. (Und wenn sie schon bekannt sind, so die meist nicht ausgesprochene Ergänzungs-Unterstellung, geht es ihnen ja gut, und sie können das bisschen Gratisverbreitung wohl verschmerzen.) Sollte wirklich nicht genug bei ihnen hängen bleiben, müssen sie eben ihre bösen „Verwerter“ in den Wind schießen, die das Netz noch nicht verstanden haben und das meiste Geld selbst einbehalten.

Hier ist sie also, die Abneigung der Plattform-Anbieter gegen die „Verwerter“.

Es ist völlig logisch, dass sie die „Verwerter“ loswerden wollen, denn letztere stützen sich auf die selben rechtlichen Grundlagen wie die Urheber, besonders die rechtlich verankerte angemessene Beteiligung am wirtschaftlichen Vorteil der Musik. Solch rechtliche Grundlagen laufen aber den Interessen der Plattformen entgegen, weil sie den wirtschaftlichen Vorteil wollen. Der „direkte Draht“ als das Modell einer modernen Musikwirtschaft dient also nicht zuletzt ihrer Profitmaximierung und schafft für Musiker schillernde Möglichkeiten viralen Marketings, die sich in Einzelfällen positiv auszahlen, in der größeren Linie aber viele Musikprofis zur auf Dauer angelegten Selbstausbeutung und Hobby-Attitüde zwingt.

Es ist zudem paradox, wenn Plattformen ihren werbenden Effekt als Innovation hervorheben, um Zahlungsansprüchen eine Legitimation abzusprechen. Auch die „alten“ Medien wie Radio und Fernsehen haben schließlich einen werbenden Effekt für Musiker – und zahlen dennoch Lizenzen. Und das mit gutem Grund, denn sie sind immer auch Anbieter. Wer einen Song auf MTV kennenlernt, wird vielleicht animiert, ihn auf Tonträger zu kaufen. Vielleicht aber schaltet ein Anderer MTV ein, um einen Tonträger eben nicht kaufen zu müssen, weil er dort ohnehin genügend Songs hört, die er mag. Beide Richtungen sind möglich. Genau so ist das auch bei Plattformen. Youtube, Grooveshark und Andere sind sogar viel mehr des Ersatzes für klassische Anbieter, bei denen Nutzer zahlen.

Man kann einen Song auf offenen Plattformen schließlich jederzeit kostenlos abrufen und inzwischen sogar mit einfachen Browser-Funktionen herunterladen.

Es gibt Werkzeuge, mit denen es recht einfach ist, Streams auf den eigenen Rechner zu ziehen. Foto: Screenshot

Natürlich haben die Kritiker der klassischen „Verwerter“ in vielen einzelnen Punkten durchaus Recht: Sowohl das Urheber-Vertragsrecht als auch Abläufe in der Gema gehören auf den Prüfstand. Sie nutzen auch nicht immer wirklich gut die Chancen des digitalen Marktes. Plattenfirmen handeln natürlich nicht nur im Interesse der Musiker, sondern sich selbst im Kampf um verteilte Gelder die Nächsten.

Musiker brauchen jedoch kollektivierende Kräfte, die auf dem Boden ihrer Rechtsgrundlagen als Urheber und Interpreten stehen. So wie es in der analogen Musikwirtschaft zur Ausbeutung von Musikern führt, sie allein von den Geschäftsmodellen etwa der Konzertveranstalter abhängig zu machen, führt es in der digitalen Welt zur Ausbeutung, wenn Musiker ohne kollektivierende Gegenkraft von der IT-Wirtschaft abhängig gemacht werden.

Auch die Musiker, die sich aus guten Gründen für einen Weg ohne Verlage, Plattenfirmen und vielleicht sogar ohne Verwertungsgesellschaft entscheiden, bekommen nur dann als Einzelne von Plattformen faire Beteiligungen, wenn um sie herum kollektivierende Kräfte einen Standard für das schaffen, was „üblich“ und damit auch für unabhängige Einzelne via Urheberrecht bindend ist. Wer als einzelner Künstler den Durchbruch über offene Streaming-Plattformen schafft, darf sehr stolz auf sich sein. Aber er sollte nicht glauben, dass er Beteiligungen von den Plattformen ebenso „aus dem Nichts heraus“ durchsetzen könnte.

Eine wirklich freie Musikszene gibt es also nur, wenn sich jeder Musiker frei entscheiden kann, ob er eher den Weg des „direkten Drahts“ oder den Weg über die „Verwerter“ einschlägt. Den „direkten Draht“ für alle Musikschaffenden verbindlich machen zu wollen und dieses Bestreben in das Gewand einer „freien Musikszene“ zu hüllen, ist vergleichbar damit, die Wiedereinführung der Sklaverei zum Befreiungsakt zu erklären. Es geht dabei um Gutsherren-Freiheit, während die Künstler und Kreativen die Leidtragenden dieses populistischen und falschen Freiheitsbegriffs sind. Und schleichend wird es die – wie auch immer massentaugliche oder hochspezialisierte – Kunst sein, die schleichend degeneriert. Nicht, weil Kreativität verloren ginge, sondern weil Künstler Menschen sind, die ihre Kreativität ins Überleben stecken müssen, wenn ihre Produkte nichts einbringen, sondern nur die Geschäfte Anderer befeuern.

 

Schlagwörter: , , , ,

2 Comments »

1 Pingbacks »

Leave a comment!

Fügen Sie Ihren Kommentar unten, oder trackback von der eigenen Seite. Sie können auch Comments Feed via RSS.

Seien Sie nett. Halten Sie es sauber. Bleiben Sie beim Thema. Kein Spam.

Sie können diese Tags verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Dies ist ein Gravatar-enabled weblog ist. Um Ihre eigene weltweit anerkannte bekommen-Avatar, registrieren Sie sich bitte an Gravatar.