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„Satirische“ Stern-Bilderstrecke facht deutschlandweite Diskussion über Urheberrecht an

Es ist ein lauter Aufschrei, der am Dienstag, 29. Januar 2013, der bei Facebook laut wird. Ein Aufschrei, der sich von Musikurhebern gegen eine Bilderstrecke des Stern richtet. „Neues für den Sperrbezirk“ zeigt alternative Youtube-Sperrtafeln, die sich gegen die Forderungen der Gema und somit der Urheber richten. Sie rufen zu Urheberrechtsverletzungen auf und empfehlen einen Besuch bei Kim Dotcom, geben Tipps, wie User die Sperren umgehen können. Und sie machen mächtig Stimmung gegen die Urheber – von denen viele, entgegen der öffentlichen Meinung, auf das Geld von der Gema dringend angewiesen sind. So ist auf diesen alternativen Sperrtafeln beispielsweise zu lesen: „Dieses Video ist in Deutschland wegen der maßlosen Gema-Forderungen gesperrt. Sorry liebe Rockmusiker, wir wollen nicht für eure Rolls-Royce-Wagen, Kunstsammlungen und die Unterhaltsansprüche eurer Ex-Frauen aufkommen.“ Für viele, wie zu lesen, ein Schlag ins Gesicht.

Während sich die ersten Kommentare zu dem Artikel noch gegen die Gema richten, dreht sich die Diskussion langsam: nachdem Urheber via Facebook sich mächtig über die einseitige Berichterstattung des Sterns aufregten, ruderten die Verfasser zurück und fügten in den Info-Text der Bilderstrecke ein, dass die Alternativen nicht ganz ernst gemeint seien. Schließlich wüssten auch die Stern-Reakteure, dass es wichtig sei, dass sich die GEMA für die Rechte der Künstler einsetzt. Als der Sturm der Entrüstung nicht abflacht, wurde mit der Redaktion gesprochen und plötzlich hieß es: „Update aus der Redaktionsbesprechung: Ihre Kritik ist berechtigt. Der Text zur Bilderstrecke wurde ergänzt, so dass sowohl die Position der GEMA als auch der “unernste” Charakter deutlicher wird. Zudem hat sich der Chefredakteur mit der GEMA in Verbindung gesetzt. Wir wissen, das macht den Umstand nicht ungeschehen und möchten uns noch einmal für diesen Faux pas entschuldigen.“

Julia Neigel löste mit ihrem wütenden Aufschrei eine kontroverse Diskussion zum Thema Urheberrecht aus. Foto: www.juleneigelband.de

Spannend ist jedoch die Diskussion, die Julia Neigel mit ihrem Wutausbruch bei Facebook auslöste: „Ich dachte, ich kenne alle Methoden, aber das schlägt dem Fass dem Boden aus. Bitte lasst Euch jede einzelne Tafel auf der Zunge zergehen. Das ist eine Kriegsansage des Stern gegen die Musiker in diesem Land, nebst Aufdeckung der IT-Branchen-Lobbyarbeit. Ab sofort weht ein anderer Wind. Wir müssen wirklich aufstehen und zwar geschlossen, allesamt“, fordert Sängerin Julia Neigel in einer Facebook-Gruppe und verweist auf die Klickstrecke. In einem anderen Kommentar verweist sie auf Sven Regeners Wutrede und fragt wie viel Google und Co. dem Stern für die Klickstrecke bezahlt hätten.

Es entspinnt sich eine lebhafte Diskussion, teils konstruktiv, teils niveaulos. Immer wieder weisen die Kommentatoren darauf hin, dass es nicht die Gema ist, die Videos sperren lässt, sondern Youtube selbst willkürlich Videos sperrt, um den öffentlichen Druck auf die Gema zu erhöhen. Und dass schon die Original-Sperrtafeln, gegen die von der Gema Klage eingereicht wurde, die Nutzer in die Irre führen. „DIE GEMA SPERRT DIESE VIDEOS NICHT – Youtube hat längst zugegeben dass man das selbst tut und einfach Simmung gegen die GEMA macht mit diesen Tafeln“, schreibt Harald Reitinger. Auch wir haben uns schon mit dem Thema befasst: „Wenn die Tafeln Unsinn tragen“ lautet der Titel eines Berichts von Stefan Herwig auf WeCab, der ebenfalls immer wieder in der Diskussion zitiert wird.

Schließlich schaltet sich der Gema-Aufsichtsratsvorsitzende, Professor Enjott Schneider, in die Diskussion ein und erklärt die Position des Verwerters: „Die GEMA hat nie diese Tafeln verursacht, denn das was da steht “erteilt Verlagsrechte nicht” etc., kann die GEMA nicht… Wir wollen (das sage ich als Aufsichtsratsvorsitzender der GEMA) mit youtube verhandeln, aber auf ganz einfacher Grundlage: Keine pauschalen anonymen Gelder nach Werbeeinnahmen  an die großen Verlage oder an die GEMA, sondern Abrechnung identifiziert nach dem Urheber/Künstler, damit das Geld für die Klicks auch an die Künstler/Autoren/geht (die meistens nicht die Super-Reichen, sondern die unterbezahlt Kreativen sind). Anonym bei der GEMA eingegangenes Geld (was youtube will) nützt nichts, denn es landet nicht beim realen kreativen Urheber. Wir wollen identifizierbares Geld, das man an die Urheber weiterleiten kann. Das ginge technisch so einfach wie bei der Telefonrechnung der Mobilanbieter. Aber youtube will nicht! Und aus niederen Instinkten (Rache, beleidigt, Druck machen) stellt dann yt selber diese unwahren diffamierenden Tafeln auf.“

Rané Schmidt scheint den Aufschrei der Urheber als absurd zu empfinden. Schließlich  käme es doch den Musikern zu Gute, dass die Videos über Youtube abrufbar seien: „dürfte ich alle Musikerinnen daran erinnern, dass ein Videoclip für Euch Marketing ist. Das Problem liegt nicht bei den Videos, sondern den Raubkopien der Musiktitel“, schreibt er. Darauf hat Julia Neigel gleich eine Antwort parat. Es sei einfach nicht gerechtfertigt, dass sich die Youtube-Tochter Google mit den Inhalten anderer die Taschen fülle. Zudem sei Streamripping ein großes Problem. „Jedes Musikvideo auf Youtube ist als MP3 downloadbar. Videos werden finanziert, kosten viel Geld und werden als Nutzfläche für illegales Downloaden missbraucht. Die Videos werden meist von User ohne Rechtsgrundlage hochgeladen und sind somit eine Rechtsverletzung. (…)Die Gema will nur Geld für die Urheber und deren Arbeit – zu Recht“, schreibt die Sängerin.

Für Ludwig Pröls ist geht es bei dem Artikel des Sterns um viel mehr, als nur den Streit zwischen Gema und Youtube. Er verzweifelt an der Kunst-Wertschätzung der Deutschen, die ein Land bevölkern, dass sich gerne „Land der Dichter und Denker“  nennt, aber seine Kultur langfristig selbst zerstöre: „Merkt denn keiner das Musik Kunst ist, was tatsächlich von Können, also nicht zu Letzt vom langen lernen und üben kommt? Wer macht denn die Musik? Künstler machen die Musik (und auch die Videos). Voraussetzung dafür, dass sie ihre Kunst ausüben (und uns damit erfreuen können) ist jedoch auch, dass sie davon leben können. Als Hobby neben einem 40 und mehr Stunden Job ist anspruchsvolle, qualitativ hochwertige Musik/Kunst weder zu finanzieren, noch zu produzieren und schon gar nicht erst zu schaffen.  Hier sollte seriöser Journalismus eigentlich anfangen nachzudenken und zu überlegen was eine Kultur des Nehmens ohne zu Geben langfristig für Folgen hat.“

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