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Was manche WeCab Autoren NICHT hören: Heino “Mit freundlichen Grüßen”

Dieser Artikel ist keine Rezension, da ich Heinos Album nicht anhören werde. Er kann allerdings die Frage beantworten, was Heino hinter seinen Brillengläsern verbirgt, wo Kommerz ekelhaft wird, was Kapitalisierung ist und wie covern und interpretieren von Songs und Werbung mit fremden Textzeilen funktioniert.

Der 74-jährige Volksmusiker Heino hat am 1. Februar 2013 ein Album mit zwölf Coversongs deutscher Rock-und Popmusiker veröffentlicht. Foto: C 1971, EMI Columbia

Der 74-jährige Volksmusiker Heino hat am 1. Februar 2013 ein Album mit zwölf Coversongs deutscher Rock-und Popmusiker veröffentlicht. Bereits in den ersten drei Tagen nach der Veröffentlichung entpuppte es sich laut Media Control als deutscher Download-Rekord, international bisher nur durch das Album „Mylo Xyloto“ von Coldplay 2011 gebrochen. Heino ist ein professioneller Musiker. 52 Jahre Bühnenerfahrung, 1000 veröffentlichte Lieder und über 50 Millionen verkaufte Schallplatten lassen sich nicht von der Hand weisen.  99 Prozent der Deutschen kennen ihn. .

Dieses Album werde ich trotz alledem nicht anhören. Dabei  habe ich bestimmt nichts gegen Coversongs – mein pubertierender Nachwuchs hört zu Hause die sogenannte türkische Verarsche des Ärztesongs „Junge“ in voller Lautstärke. Mein Problem ist ein anderes: ich finde Heino unethisch professionell und ich möchte nicht bis in meine Träume von seinen rollenden R`s verfolgt werden. Außerdem verbietet sich nach meinem Verständnis verbietet nicht nur das Covern von Prince außerhalb der heimischen Badewanne.

Mit dieser zugegebenermaßen elitären Meinung stehe ich allerdings nicht ganz alleine da. Der Twitterer @zeilenabstand schrieb schon, als ich noch sprachlos war:  „#Deutschland schafft es, die elende Berechenbarkeit eines #Heino in Lederjacke, der vormals hörbaren Pop vergewaltigt, als Idee zu feiern.“ Und die Veranstalter des Wacken Open Air Festival sahen sich letzte Woche gezwungen, definitiv zu bestätigten, dass „Heino“ dieses Jahr „in Wacken nicht anzutreffen“ sein werde.

Heino wird in diesem Jahr definitiv nicht in Wacken auftreten – die Veranstalter sahen sich gezwungen, diese Information zu veröffentlichen. Foto: C 1973, EMI Columbia

Die Rhein-Zeitung war so freundlich, sehr erhellend denjenigen zu interviewen, auf dessen Mist die Idee zum „verbotenen Album“ gewachsen ist. Das hat sich Heino nicht selbst ausgedacht, sondern ein 37.jähriger Musikproduzent namens Christian Geller, der früher mit Thomas Anders Musik machte: “Ich dachte: Wir müssen doch einen Mann, der – ohne das despektierlich zu meinen – so bekannt ist wie Mickey Maus, noch einmal kapitalisieren können.“

Dieser umtriebige junge Mann scheint nicht nur kaufmännische Grundkenntnisse und ein Händchen für Marketingstrategien zu haben, sondern sich passenderweise auch im Urheberrecht auszukennen. Weder Rammstein noch die Ärzte haben in gerichtlichen Auseinandersetzungen um die Zulässigkeit der Heinoschen Coverversionen gute Karten. Daher der Ärztemanager Axel Schulz „Solange dieser Heini (sic!) den Originaltitel nicht mutwillig verändert, werde ich nichts dagegen unternehmen.“ Wortgetreue und präzise Instrumentalisierung unterscheiden die Coverversion von einer Neuinterpretation. Passend erläuternd die Süddeutsche  „solange nämlich kein Ton der Komposition geändert wird und brav Tantiemen abgeführt werden, solange sieht das deutsche Urheberrecht keine Eingriffsmöglichkeit für die Urheber eines Songs vor.“ und dass „das deutsche Urheberrecht,Plagiate erlaubt, wenn sie unverfälscht und gebührenpflichtig produziert werden.“

 

Sollte der Rechteinhaber Mitglied der Gema oder einer ihrer Partnergesellschaften sein, muss für eine Coverversion die Gemagebühr entrichtet werden.

die Seite www.gema.de/musikrecherche bietet die Möglichkeit, den oder die Rechteinhaber zu identifizieren

Unabhängig von den anfallenden Lizenzgebühren der Verwertungsgesellschaften müssen manche Coverversionen vom ursprünglichen Rechteinhaber genehmigt werden:

  1. Bearbeitung von Musikstücken im Fall einer Veröffentlichung
1.)  Coverversionen, 2.) Remake, 3.) Zitat, 4.) Plagiat, 5.) Remix, 6.) Paraphrase und 7.) ev.Mastering
1.)  Coverversionen
a.)  reine Coverversionenb.)  umfangreicher bearbeitete Coverversionen
Bsp.: „Mit freundlichen Grüßen“ Heino 2013Bsp.: „Hurt / Personal Jesus“ Johnny Cash 2003
ohne Genehmigung des Texters /KomponistenÄnderungen an Komposition oder Text bedürfen der Genehmigung durch den Rechteinhaber (gilt auch für Kürzungen)§§12, 13, 14 UrhG
völlige Übereinstimmung mit dem Original, kein neues Werk entsteht, da ohne eigene schöpferische Leistungein neues, schutzfähiges Werk entsteht §3UrhG, genehmigungspflichtige Schöpfungshöhe

 

Nach Heinos Verständnis brauchen sich die Coveropfer nicht zu beschweren. Der Sänger dazu in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „…die haben die Verlagsrechte, die haben die Kompositionsrechte, die haben die Textrechte, und jetzt kriegen sie mal ein schönes Pfund. Die sollen ruhig sein, den Mund halten. “ Manches lässt sich aber nicht mit Geld abgelten, außer in der durchkommerzialisierten Welt des Heino.

Die gecoverten Bands konnten sich rechtlich nicht dagegen wehren, ausgerechnet von ihrem Antipoden Heino verwurstet zu werden. Allerdings haben zu seinem großen Bedauern und Unverständnis alle abgelehnt, Heino zu gestatten, mit Textausschnitten der Songs Werbung für sein Album zu machen. Heino  kommentiert in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Die haben alle kategorisch abgelehnt, zum Teil sehr bösartig. Mit Worten, die ich jetzt einer Frau gar nicht sagen möchte.“

Bei TV Total, zu Besuch bei Stefan Raab, einem weiteren professionellen Unterhaltungskünstler, der die eigene Kapitalisierung erfolgreicher als Heino selbst betreibt, wurde sehr deutlich, dass Heino nach einem Rockalbum im Herzen immer noch Opa, ewiggestrig, Volksmusiker und Schlagerfuzzi ist. Foto: C 1969, SRI

Bei TV Total, zu Besuch bei Stefan Raab, einem weiteren professionellen Unterhaltungskünstler, der die eigene Kapitalisierung erfolgreicher als Heino selbst betreibt, wurde sehr deutlich, dass Heino nach einem Rockalbum im Herzen immer noch Opa, ewiggestrig, Volksmusiker und Schlagerfuzzi ist. Er sagte dort: “Wacken ist so, wie das Frühlingsfest der Volksmusik, nur mit netterem Publikum.“ Wer so wenig von richtiger Musik versteht, muss sich nicht wundern, wenn er nicht mitspielen darf.

Obwohl, wenn er neben dem Rockeroutfit Selbstironie hätte und „Meine Freunde“ von den Ärzten gecovert hätte, dann hätte ich das Album vielleicht doch gekauft.

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