News

Neues aus der Musikwirtschaft

Kreativität

Alles zwischen Inspiration
und Kunstprodukt

Kommerz

Von Backsteinen zum
Big Business

Konzept

Über „Das Netzwerk“
– und wie man es erschafft

Kontroverses

Political Correctness?
Aber nicht hier!

Home » Kommerz, Konzept, Kreativität

Searching for Sugar Man: Stell Dir vor, Du bist berühmt – und weißt nichts davon!

Stell Dir vor, Du bist berühmt und bekommst davon absolut nichts mit. Gibt es nicht? Gibt es doch! Der Oscar-nominierte Film „Searching for Sugar Man“ erzählt die Geschichte des amerikanischen 70er-Jahre-Folksänger Sixto Rodriguez, der in Amerika scheiterte und in Südafrika zum Star wurde – für ihn jedoch gänzlich unbemerkt, weil man ihn dort für tot hielt. Aus Interviews, animierten Szenen und Archivmaterialien setzte der schwedische Regisseur Malik Bendjelloul nun einen fesselnden Dokumentarfilm über den US-Sänger Rodriguez zusammen, der perfekt von dessen Soundtrack untermalt wird.

Detroit Anfang der 70er Jahre: In einem der schmuddeligen Hinterhöfe dieser unwirtlichen Arbeiter- und Industriestadt tritt ein mexikanisch-amerikanischer Sänger auf. Zwei namhafte Produzenten kommen, um ihn spielen zu hören und sind begeistert. Seine Lyrik ist so gut, dass sie jedem Vergleich mit Bob Dylan standhält. Die Männer sind erfahren, sie haben mit Größen des Musikbusiness wie Marvin Gaye, Stevie Wonder, The Temptations, The Supremes, Gladys Knight, Ringo Starr zusammengearbeitet. Doch trotz guter Kritiken irren sie in ihrer Einschätzung. Die Platte Cold Fact (1970) floppt. Auch das zweite Album, ein Jahr später von Steve Rowland produziert – er arbeitete mit Jerry Lee Lewis, The Cure, Peter Frampton, Gloria Gaynor, Boney M, The Pretty Things – wird ein finanzieller Misserfolg. Und damit ist Rodriguez’ Karriere bevor sie richtig begonnen hat in den USA auch schon zu Ende.

Völlig unbemerkt vom Rest der Welt überlebt Rodriguez’ Musik in einem Winkel der Erde, der zu dieser Zeit in den globalen Medien nur mit Negativschlagzeilen behaftet ist: das Apartheid-Regime Südafrika. Hier glückt, was zuvor so kläglich scheiterte: Rodriguez wird zum Superstar. Seine Musik hat etwas Befreiendes, Aufrüttelndes, und so wundert es nicht, dass sie zum Initial der liberalen Anti-Apartheid-Bewegung der Weißen avanciert. Damit aber gerät die Musik von Rodriguez auch gleichzeitig auf den Index. Keine Radiostation darf den Titel „Sugar Man“ spielen, was seiner Verbreitung keinen Abbruch tut. Und obwohl es viele Jahre in Südafrika nur ein Bootleg gab, wurde Rodriguez’ Cold Fact auf jeder Party gespielt.

Sixto Rodriguez hat von seinem Ruhm erstmal nichts mitbekommen. Bild: Rapid Eye Movies HE GmbH

 

Zu dieser Zeit gab es dort drei Alben, die ein jeder im Plattenschrank hatte: Abbey Road (Beatles), Bridge over Troubled Water (Simon & Garfunkel) und Cold Fact. Aber die Südafrikaner können ihr Idol nicht feiern, denn es ist vollkommen ungewiss, ob Rodriguez überhaupt noch lebt. Viele Gerüchte kursieren über seinen Freitod: Bei einem schlecht performten Konzert soll er sich vor Publikum erschossen haben beziehungsweise sich selbst angezündet haben. Rodriguez’ Leben ist für die Südafrikaner ein Mysterium.

1996 kommt der Stein jedoch ins Rollen, als das zweite Album von Rodriguez (Coming to Reality) im Post-Apartheid-Staat erscheint. Ein südafrikanischer Musikjournalist fühlt sich von der im Booklet geschriebenen Zeile „Any musicologist detectives out there?“ herausgefordert, dem Schicksal des Musikers nachzuspüren. Er läuft vor viele verschlossene Türen – gerade bei seinen Nachfragen, wohin das Geld von einer halben Million verkaufter Platten und CDs geflossen ist. Die Liedzeile „met a girl form Dearborn“ (aus dem Song „Cold Fact“) bringt den Journalisten schließlich an den richtigen Ort. Dearborn gehört zu Detroit. Von da ist es nur noch ein kleiner Sprung bis zu einem der Produzenten des ersten Albums und der sensationellen Tatsache, dass Rodriguez lebt!

Was nun folgt, ist ein märchenhaftes Ende einer Odyssee, die beinahe drei Jahrzehnte dauerte. All die Jahre lebte Rodriguez mit seiner Familie in Detroit, ging als Bauarbeiter Jobs nach, versuchte sich auch in der lokalen Politik und hatte keine Ahnung, dass er in Südafrika ein Star und Idol ist. All die Jahre blieb er, was er war: ein Working-Class-Hero. Südafrika aber rollt für ihn den roten Teppich aus, denn dort ist Rodriguez bis heute größer als Elvis. „Thanks for keeping me alive“ sind Rodriguez’ Worte, als er erstmals vor seinen tausenden Fans auftritt. Insgesamt gibt er in Kapstadt sechs ausverkaufte Konzerte.

In Südafrika blieb er all die Jahre ein Star und wurde gefeiert, als er zum ersten Mal live auf de Bühne stand. Bild: Rapid Eye Movies HE GmbH

Der Film Searching for Sugar Man wurde 2012 unter anderem auf dem Sundance Film Festival mit zwei Auszeichnungen bedacht (Bester Ausländischer Dokumentarfilm, Jury & Publikum), gewann den Publikumspreis auf dem Melbourne Filmfestival und war auf dem Filmfest Hamburg zu sehen. Im Sommer landete das Doku-Juwel in den Top Ten der britischen Kinocharts. Rodriguez selbst tourt derzeit durch die USA und Großbritannien und war kürzlich prominenter Gast in David Lettermans Late Show. Außerdem wurde der Film für einen Oscar nominiert.

Zu sehen ist der Film, der in einem halben Jahr auf Deutsch und bereits auf Englisch auf DVD erschienen ist, bei uns unter anderem im Endstation Kino in Bochum. Und zwar am Dienstag, 19. Februar, 21 Uhr; Mittwoch, 20. Februar, 21.15 Uhr; und am Mittwoch, 27. Februar, 21Uhr.

Schlagwörter: , , , ,

Leave a comment!

Fügen Sie Ihren Kommentar unten, oder trackback von der eigenen Seite. Sie können auch Comments Feed via RSS.

Seien Sie nett. Halten Sie es sauber. Bleiben Sie beim Thema. Kein Spam.

Sie können diese Tags verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Dies ist ein Gravatar-enabled weblog ist. Um Ihre eigene weltweit anerkannte bekommen-Avatar, registrieren Sie sich bitte an Gravatar.