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„Searching For Sugarman“ gewinnt den Doku-Oskar – zurecht!

Die Musikdokumentation über einen verschollenen Songwriter bewegt das Publikum, zeigt eine außergewöhnliche Musikkarriere und die gesellschaftsverändernde  Kraft authentischer  Musik.

Als das Produzentenduo  an einem kalten Winterabend 1970 die Detroiter Kneipe „The Sewer“ betreten, sehen sie hinter einer Wand von Zigarrenqualm einen Gitarristen, der in einer Ecke sitzt und mit dem Rücken zum Publikum spielt. Keine Show, keine Begleitband, kein Licht. Trotzdem erkennen die beiden Musikproduzenten sofort das außergewöhnliche Talent des Musikers Sixto Rodriguez. Die traurig-düsteren Folksongs, die trostlosen und  doch poetischen Liedtexte, die karge Instrumentierung bilden eine Einheit, die die Produzenten Mike Theodore und Dennis Coffey sofort überzeugt: „Der Typ hatte es einfach .“

Heimst gerade rund um den Globus frenetisches Lob bei der Filmkritik ein: Searching For Sugarman, hier das UK-Filmplakat

Zusammen besorgen Sie ihm einen Plattendeal bei dem Label Sussex Records von Ex-Motown-Chef Clarence Avance und produzieren das Album Cold Fact mit den Songs von Rodriguez. Obwohl die musikalische Qualität des Albums außer Frage steht, floppt es in den USA auf ganzer Linie. Ob es am schlechten Coverdesign liegt, welches absolut nichts mit der Musik zu tun hat oder daran, dass niemand die schwermütigen Songs eines mexikanischen Blue-Collar-Workers aus Detroit hören wollte, weiß niemand. Rodriguez wird zwar oft mit Bob Dylan verglichen, seine Songs sind aber sperriger und düsterer – und scheinbar unverkäuflich.

Die Plattenfirma nimmt 1971 einen zweiten Anlauf mit Produzentenlegende Steve Rowland. Rowland, der mit Peter Frampton, Michael Jackson, Jerry Lee Lewis arbeitete, oder auch Acts wie The Cure und The Tompson Twins signte, bezeichnete Sixto Rodriguez als einen der fünf talentiertesten Künstler, mit dem er je gearbeitet hat. Doch auch das zweite Album floppt gnadenlos und Rodriguez wird 1972 von seiner Plattenfirma Sussex gedroppt. Case closed. Es wird still um Rodriguez.

Produzentenlegende Rowland sagt über Rodriguez: “Einer der fünf talentiertesten Musiker, den ich kenne.”

Standortwechsel: Kapstadt, Johannesburg

Irgendwann findet eine Kopie des Rodriguez-Debuts „Cold Fact“ Mitte der 70iger ihren Weg nach Südafrika. Die kargen, rebellischen Lyrics fallen in dem von Apartheid geprägtem Oppressionsstaat bei den Fans auf fruchtbaren Boden. Die Platte zirkuliert zunächst auf Kassetten, dann auf Bootlegs. Teile von „Cold Fact“ werden in Südafrika wegen Drogenverherrlichung zensiert und machen die Platte für die weiße Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika noch attraktiver. Das Anti-Establishment Feeling von Rodriguez ist im bürgerlichen Apartheids-Staat neu, und inspiriert südafrikanische Künstler dazu, selbst regimekritische Songs zu schrieben.  „Cold Fact“ wird legal aufgelegt und wird dort vom Sleeperhit zum Kultalbum. „In fast allen südafrikanischen Plattensammlungen standen drei Alben: Abbey Road von den Beatles,  Bridge Over Troubled Water von Simon And Garfunkel, und … Cold Fact von Rodriguez“ berichtet der südafrikanische Musikfan Stephen „Sugar“ Segerman. Rodriguez wird in Südafrika größer als Elvis Presley und die Rolling Stones, seine Musik ist der Soundtrack zur Anti-Apartheidsbewegung.  Doch über den Musiker selbst ist kaum etwas bekannt. Der Musiker habe sich in den USA auf der Bühne nach einem missglückten Konzert erschossen, wird gemunkelt. Ein anderes Gerücht besagt, Rodriguez habe sich mit Benzin übergossen und angezündet, oder er sei im Gefängnis gestorben.  Sicher schien nur, dass der Künstler tot ist. Anfang der 90er wird sein zweites Album „Coming From Reality“ in Südafrika auf CD wiederveröffentlicht. Stephen Segerman, Besitzer des südafrikanischen Plattenladens Mabu Records und Rodriguez-Fan der ersten Stunde, schreibt die Linernotes dazu und bemerkt, dass so gut wie Nichts über Rodriguez bekannt sei. Man wisse nicht, wo er gewohnt hat, wann und wo er gestorben sei, es gibt keinerlei Liveaufnahmen, keine Interviews, die Informationen sind sehr dürftig. Segerman bittet, sich bei ihm zu melden, wenn jemand mehr herausfinden kann, und startet sogar eine Webseite: „The Hunt For Rodriguez“.  Das wiederum veranlasst einen südafrikanischen Musikjournalisten tiefer zu graben und den Wohnort von Rodriguez zu recherchieren. Nach Jahren erfolgloser Recherche bekommt er Kontakt zu Mike Theodore, Rodriguez‘ ersten Produzenten, der ihm eine für südafrikanische Ohren unglaubliche Version der Geschichte erzählt: Rodriguez sei noch am Leben.

Kurz darauf meldet sich eine Frau bei dem Musikfan Segerman: Sie sei Rodriguez‘ Tochter und auch Sie bestäigt: Ihr Vater lebe noch. Er arbeite als verarmter Bauarbeiter in Detroit, von irgendwelchen Erfolgen  in Südafrika wüssten sie beide nichts. Noch in der selben Nacht ruft Rodriguez selbst bei Segerman an, und sie telefonieren mehrere Stunden miteinander. Für Segerman ist es, als hätte ihn Elvis Presley selbst angerufen, denn der Künstler dessen Musik ihn dekadenlang beschäftigt hat, ist plötzlich am Apparat.

Das Bild zeigt Rodriguez bei der Kampagne zum zweiten Album. Foto: rapideyemovies.com

Fünfzehn Jahre nach seiner letzten Liveshow erhält Rodriguez das Angebot, in Südafrika aufzutreten. Der Musiker spielt sechs ausverkaufte Shows in riesigen Konzerthallen, wird begleitet von den südafrikanischen Musikern, deren Karrieren er inspiriert hat. Die südafrikanische Journaille glaubt zunächst an einen Hochstapler, doch als der Künstler auf die Bühne kommt, gibt es keinen Zweifel. Der echte Rodriguez lebt und bekommt eine späte Belohnung für seine Musik.  Rodriguez spielt spektakuläre Shows, das Publikum hält es schon nach dem ersten Song nicht mehr auf seinen Stühlen. Die Liveaufnahmen sind Höhepunkte der wirklich gelungenen Dokumentation, eine Art späte ausgleichende Gerechtigkeit für einen bescheidenen, gescheiterten Künstler.

„Searching For Sugarman“ funktioniert aus gleich mehreren Gründen: es ist eine gelungene, sehr ästhetische gestaltete Dokumentation, die die Schauplätze Detroit und Kapstadt treffend darstellt, jede Menge Informationen und Charaktere präsentiert, aber auch das Apartheidsregime in Südafrika überzeugend skizziert. Aber natürlich erzählt diese Dokumentation auch eine spektakuläre, fast unglaubliche Geschichte, über die Unwägbarkeiten von Erfolg und Misserfolg im Musikgeschäft. Es scheint, als wenn einem missachteten Künstler späte Gerechtigkeit erfährt.

Hat nicht wirklich viel mit der fantastischen  Musik zu tun: Cold Fact Cover (c 1971 Sussex Records)

In letzter Konsequenz aber, ist „Searching For Sugarman“ aber auch ein Film über die gesellschaftsverändernde Kraft von Musik selbst. Genauso wie Musik  in den USA in den 60ern und 70ern die Rassentrennung verminderte, waren die Texte wie ein Brandbeschleuniger für die gesellschaftlichen Prozesse in Südafrika.  Trotzdem kommt man nicht umhin, diese außergewöhnliche Geschichte auch mit einer gewissen Melancholie zu betrachten, denn sie zeigt auch, dass  Musik als Kult vor allem dann entsteht, wenn es nicht ubiquitär zu Verfügung steht. Gerade bei Rodriguez war es auch das Fehlen von Information, das zur Bildung der Mythen beitrug und zur Faszination der Geschichte. Heute, in Zeiten in denen Musik und die Informationen darüber selbst beliebig verfügbar sind, scheint eine faszinierende Geschichte wie die von Rodriguez undenkbar…

Update: In Skandinavien ist der Macher des Films,  Malik Bendjelloul, in die Kritik geraten, weil er entscheidende Fakten  verschwiegen habe. So war Rodriguez in den USA zwar gefloppt, aber in Australien hatte der Musiker eine gewisse Popularität erlangt und Ende der Siebziger auch eine Tour gespielt. Der australische Erfolg war jedoch begrenzt und mit dem Status in Südafrika nicht zu vergleichen. Die Skandinavier behaupten, dass das Fehlen dieser Fakten die dokumentarische Leistung empfindlich schmälern würde. Wir sehen das jedoch anders, denn der Film hat nie das Gegenteil behauptet. Er geht hier zwar etwas selektiv mit den Fakten um, aber jede Dokumentation lebt davon Fakten zu selektieren. Der außergewöhnlichen Geschichte tut der australische Erfolg keinen Abbruch.

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