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enGAGE! diskutiert über Musikwirtschaft: „Die Produktion von Musikwerken“

Die Luft ist nach wenigen Minuten zum Schneiden dick, einige der Zuhörer haben keinen Stuhl mehr ergattern können. Sie bleiben trotzdem – besser drei Stunden stehen als etwas zu verpassen. Die erste Tagung des Gesprächs- und Arbeitskreises  Geistiges Eigentum e.V. (enGAGE!) an der Fachhochschule in Köln lockte im März 2013 viele fachkundige Zuhörer aus der Musikbranche an. Denn genau über diese sollte diskutiert werden – in drei unterschiedlichen Panels: im Bereich der Themen Produktion, Online-Verwertung und rechtlicher Schutz sollte über das Urheberrecht und den Wert geistigen Eigentums diskutiert werden.

Im ersten Panel der enGAGE-Tagung trafen Sängerin Julia Neigel, Filmkomponist Matthias Hornschuh und Komponist und Bandleader Helmut Zerlett aufeinander. Foto: Esther Mai

Im ersten Programmteil trafen Sängerin Julia Neigel und Komponist Helmut Zerlett auf den Filmmusik-Komponisten Matthias Hornschuh und diskutierten über  die „Produktion von Musikwerken“ – nicht im technischen Sinn – sondern vielmehr darüber, welche Rolle Künstler , fernab vom Schaffensprozess, oftmals auch noch bei einer Produktion haben. Die von enGAGE! im Vorfeld gestellte Hauptfrage, welche Wirkungen und Herausforderungen das Urheberrecht in der Praxis habe, wurde nur sanft gestreift – zu Gunsten des Künstlerbildes, das Moderator Matthias Hornschuh mit seinen geschickten Fragen immer weiter aufschlüsselte.

Helmut Zerlett vereint beispielsweise einige Berufsgruppen in einer Person: Er ist Auftragskomponist, teilweise auch für sich selbst schöpferisch tätigt, er ist Bandleader und Musiker. Sprich: er ist selbstständig und für sich selbst verantwortlich – aber manchmal auch Arbeitgeber für viele andere Musiker und Kulturschaffende. Wird ihm beispielsweise ein Budget für einen Kinofilm anvertraut, so hört es sich erstmal so an, als ob ihm eine ganze Menge Geld zur Verfügung stünde. „Ich muss jedoch immer daran denken, wen ich noch alles davon bezahlen muss. Beispielsweise zehn bis zwölf Leute, den Studio-Unterhalt und ein 90-köpfiges Orchester“, sagt Zerlett.

Helmut Zerlett vereint einige Berufsgruppen in einer Person: Er ist Auftragskomponist, teilweise auch für sich selbst schöpferisch tätigt, er ist Bandleader und Musiker. Foto: Esther Mai

Neben Zerlett  diskutierte auch die stellvertretende Gema-Aufsichtsrätin Julia Neigel mit – jedoch nicht in dieser Funktion, sondern als Musikerin. Bruno Kramm, Piraten-Politiker und Produzent, der eigentlich auch auf dem Podium sitzen sollte, sagte die Veranstaltung ab. Er hatte eine Autopanne auf der A3, sagte er dem Verein. Gerade Bruno Kramms und Julia Neigels Sichtweise zum Thema Urheberrecht sind so konträr – sie hätten sich wahrscheinlich einen interessanten verbalen Schlagabtausch geliefert.  So ging es aber bei diesem Panel erstmal um Julia Neigel, die Musikerin – die ebenso wie Zerlett nicht nur Künstlerin ist, die man für eine Produktion buchen kann, sondern ebenfalls selbstständige Unternehmerin, die für eine Menge Menschen Verantwortung trägt. „Für eine Tour oder ein Konzert brauche ich eine Band, die ich selbst zusammenstelle – und natürlich auch bezahle. Sechs bis sieben Musiker, dazu manchmal noch Chorsänger oder Bläser. Ich brauche einen Fahrer für den Tourbus, einen Tourneeleiter, einen Licht- und Tontechniker. Ich bin also nicht nur Julia Neigel, die Sängerin, sondern auch Julia Neigel das Einzelunternehmen.“ Und diese Verantwortung für das Team muss sie ernst nehmen: „Das sind meine Begleiter über Jahre hinweg, sie haben meine Karriere mit angeschoben.“

Eigentlich sollte Julia Neigel (links) in diesem Panel auf Produzenten Bruno Kramm treffen. Dieser sagte aber ab – und so entging den Besuchern ein wahrscheinlich sehr interessanter Schlagabtausch der beiden politisch engagierten Musikschaffenden. Foto: Esther Mai

Tatsächlich, so stellten die Panel-Teilnehmer heraus, seien jedoch nicht alle, die mit Musik geschäftlich zu tun haben so verantwortungsbewusst. Viele Musiker und Kunstschaffende könnten sich noch nicht einmal eine Krankenversicherung leisten, während  sich andere auf ihre Kosten die Taschen voll machen. Denn genug Geld, um es gerecht zu verteilen sei da: noch nie sei so viel Musik konsumiert und mit Musik umgesetzt worden, wie heute.  Es ginge jedoch nicht an, dass jemand anderes einfach mit den Inhalten Geld verdiene, wie in dem Fall den Julia Neigel skizzierte: „Ein Fan hat eine Raschelaufnahme eines Konzertes hochgeladen – was ich normalerweise nicht so eng sehe“, sagte Julia Neigel. Krass sei nur gewesen, dass über der unprofessionellen Aufnahme, schließlich Werbung von VW darüber gelegt war. Und sie selbst sei noch nicht einmal gefragt, geschweige denn an den Einnahmen beteiligt worden. „Ich hab das Video schließlich löschen lassen, weil es einfach nicht angehen kann, dass der Fan und Google schließlich an dem Video verdienen und ich nicht.“

Die Rechtslage für sie als Sängerin, wenn es nur um Leistungsschutzrechte gehe, könne man, so Neigel, „in die Tonne kloppen“.  Die GVL-Ausschüttungen, auf die alle im Dezember wie auf ein Weihnachtsgeld warten, seien stark rückläufig. „Sie sind auf 10 bis 20 Prozent gesunken. Das hat bei vielen einen Schock gegeben“, sagte Matthias Hornschuh.  Schuld an der verheerenden finanziellen und rechtlichen Situation sei, laut Neigel, der Gesetzgeber. Sie forderte eine Überarbeitung des Telemediengesetzes  – eine Reform des Urheberrechts hält sie bei verbesserter Rechtsdurchsetzung hingegen für unnötig.

Eigentlich sollte Bruno Kramm, als Produzent, noch am Panel teilnehmen. Er entschuldigte sich per Telefon, dass er aufgrund einer Autopanne nicht kommen könne.  Spontan sprang  für ihn Joachim Paul von der Piratenpartei ein, der zwar politisch mitdiskutierte, jedoch die Produzentenrolle beim Entstehungsprozess von Werken nicht beleuchten konnte.

Joachim Paul von der Piraten-Partei sprang spontan für Bruno Kramm ein -. ihm fehlte jedoch die Sichtweise eines Produzenten und somit konnte er die Diskussion kaum fruchtbar vorantreiben. Foto: Esther Mai

Die Frage, um die es Matthias Hornschuh schließlich ging, nämlich, warum die Künstler zum einen erpressbar und zum anderen wie eine Weihnachtsgans ausnehmbar sind, konnte nicht abschließend geklärt werden. „Wichtig ist jedoch, dass wir erkennen, dass Künstler ohne Verwerter nicht können – und dass wir keinen Keil zwischen uns treiben lassen“, sagte Hornschuh abschließend und leitete damit zum zweiten Panel über, dass die Entwicklungen bei den digitalen Verwertungen skizzieren sollte.

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